Fluch und Segen

- "Wer nicht denken will fliegt raus!", schrieb Joseph Beuys auf eine kleine Schiefertafel. Ein Datenträger der alten Zeit, als in der Schule eben gerade nicht so sehr auf eigenständiges Denken Wert gelegt wurde. Beuys spielt augenzwinkernd mit diesen Bedeutungsschichten und erweist sich damit als sehr guter Schutzpatron für die Ausstellung "Im Anfang war das Wort …über die Sprache in der zeitgenössischen Kunst".

Der Münchner Langenscheidt Verlag veranstaltet diese Schau anlässlich seines 150-jährigen Bestehens im Haus der Kunst. Andreas Langenscheidt wollte für die monatelangen Jubiläumsfeierlichkeiten einen besonderen Höhepunkt.

Kind und Philosoph

Und Kurator Jean-Christoph Ammann freute sich darüber, dass ein Unternehmer an ihn und Kollegin Corinna Thierolf (Bayerische Staatsgemäldesammlungen) eine solch vorzügliche Idee herangetragen habe. Den Segen für das Unterfangen hat man sich von oberster, also biblischer Stelle besorgt und stürzt sich daher nicht gleich in die aktuelle Kunst: Hans Grafs "Turmbau zu Babel" und Johann Heiss’ "Verkündigung" verweisen einmal auf Langenscheidts Arbeitsgrundlage -Sprachenwirrwarr –, dann jedoch auf die umwälzende Kraft von Sprache/ Sprechen im Guten.

Segen und Fluch ruhen gleichermaßen in diesem potenziell unendlich vielgestaltigen Zei- chensystem, das wir akustisch und optisch (Schrift, Gebärdensprache) wahrnehmen. Natürlich hat auch die bildenen Künstler dieser Stoff gereizt. Wenn Anri Sala in seinem Video unter anderem das Lernen der Gebärdensprache für Gehörlose zeigt, dann gibt Andrea Faciu von der Münchner Kunst-Akademie den Blinden eine Stimmen. Im wahrsten Sinne des Wortes singt sie ein hohes Lied auf die Sprache, die dem Blinden eine Art Sehkraft gibt. Wir wiederum schauen ihren Lippen bei der Arbeit zu (Video).

Und lernen, dass die bildende Kunst eine Sprache ist, um die wir uns bemühen müssen, die aber ihrerseits niemanden zurückstößt. Sie bewahrt wie die Musik die Utopie der allen verständlichen Vor-Babel- Sprache. Bruce Nauman ist wohl derjenige, der das am konsequentesten und mit langem Atem analysiert: Ästhetisch schön legt er das Verhältnis von Lettern und Begriff dar, zugleich erinnert er uns daran, dass wir dieses Feld individuell mit unseren Erfahrungen anreichern. So ist "LIFE" und spiegelverkehrt "MASK" immer ein anderes Werk -je nach Betrachter.

Kein Wunder, dass ihm die Kuratoren wie dem frechen und lustigen Sigmar Polke, dem spöttischen Andy Warhol und dem verschmitzten, politischen Beuys viel Raum gelassen haben: Zumal für Nauman der Weltfriede dem zentralen Paar "Reden- Zuhören" entspringt. Wie schwer es ist, all das zu lernen -und da sind wir wieder bei Langenscheidt und seinem Buch-Beistand -erzählt per Video Gary Hill. Ein Mädchen arbeitet sich mit kindlichem Mut durch Ludwig Wittgensteins "Bemerkungen über die Farben". Wie sie (noch) an des Philosophen Denken scheitert, scheiterte er am Unbeschreiblichen der Farben. Sie sprechen in der Kunst -ohne Wörterbuch.

Bis 3.12., 5 Euro

für Schüler/ Studenten frei

kostenlose Führungen: 089/ 36 09 64 13

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