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Eine wertvolle Geige ist Heldin und Leitmotiv in diesem krimihaften Historienroman.

Der Fluch der Storioni

Jaume Cabrés wundersamer, berührender und virtuoser Roman „Das Schweigen des Sammlers“ in der Buchkritik.

Als Wunderkind wird er nicht nur gefördert, es ist eher eine Dressur: Fremdsprachen bis zum Aramäischen soll Adrià Ardèvol lernen. Und die Leidenschaft des Vaters teilen – Antiquitäten bis zur Besessenheit sammeln und verkaufen. Doch ein Objekt bleibt unangetastet, eine wertvolle Geige, das erste Opus von Lorenzo Storioni, des legendären Violinschöpfers aus Cremona. Und bald wird in dieser wundersamen, berührenden und bestürzenden Geschichte des Katalanen Jaume Cabré klar: Nicht Adrià ist der Held, sondern das Instrument.

Cabré hat einen Jahrhundertroman im Wortsinne geschrieben. Über viele Generationen spannt er seine Geschichte, lässt die Storioni dabei durch die Zeitalter wandern. Ihr Holz stammt aus einem Baum, der sich einst vom Blut eines toten Mädchens nährte. Morde geschahen, als das Instrument die Eigentümer wechselte. Nicht nur kurz nach der Erschaffung des Kleinods, sondern auch in Auschwitz, wo ein niederländisches Ehepaar das Instrument an einen SS-Führer verlor. Oder später: Adriàs Vater Felix ist das letzte Opfer.

Historien- und Schelmenroman, auch Krimi und Liebesgeschichte ist dieses Buch, das sich als 800-seitige Zeitmaschine geriert. Cabré erzählt nicht chronologisch, sondern überblendet die Ebenen auf eine eigentümliche Weise. Unmerklich, manchmal hart geschnitten – was auch mit der Erzählperspektive passiert: Mal ist Adrià in der Ich-Perspektive präsent, zwei Zeilen weiter dann Objekt. Virtuos ist das und erhellend, wenn geschichtliche Parallelen dadurch offenbart werden. Die Passagen, in der sich die Inquisition mit der Nazi-Zeit überlagert, sind waghalsig, angreifbar – und auf provozierende Weise richtig.

Nicht Antiquitätenhändler wie sein Vater Felix wird Adrià, sondern ein geachteter Gelehrter, der sich unter anderem mit dem Bösen im Weltenlauf befasst. Das Glück im Jetzt sucht dieser Einsiedler, dieser Mann der verpassten Chancen vergeblich, dem Trost letztlich nur das Vergangene bietet. Aber was ist dieses Buch dann? Vor allem: Wer schrieb Adriàs Geschichte auf? Ist auch sie nur Fiktion? Oder die lückenhafte bis geschönte Erinnerung eines anderen? Viele Überraschungen erlebt der Leser dieses Buches, das im Deutschen einen denkbar dümmlichen Titel bekommen hat. „Ich bekenne“ wäre die wörtliche, richtige Übersetzung. Und wer dieses „Ich“ ist, das ist womöglich das größte, erst am Ende gelüftete Geheimnis dieses singulären Romans.

Jaume Cabré:

„Das Schweigen des Sammlers“. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann. Insel Verlag, 845 Seiten; 24,95 Euro.

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