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Brigitte Fassbaender, Indendantin des Tiroler Landestheaters, inszenierte „Die Trojaner“ von Berlioz.

Flucht vor dem Männer-Wahnsinn: Brigitte Fassbaender inszenierte „Die Trojaner“

„Elefantenopern“, so hat die Chefin einmal in ihrer typisch herben Art verfügt, die kämen ihr nicht ins Haus. Verdis „Nabucco“ gab es also nur konzertant, seine „Aida“ halbszenisch. Was Brigitte Fassbaender nicht daran hinderte, dennoch einige Brocken in ihr Tiroler Landestheater zu pressen.

Brittens „Peter Grimes“ brachte sie im Innsbrucker 800-Plätze-Tempel heraus, auch Wagners „Meistersinger“ und nun mit Berlioz’ „Les Troyens“ eines der Spitzenstücke aus der Schwergewichtsklasse. Jene Antikenoper, maßlos in den Klangdimensionen und szenischen Erfordernissen, die erst 1892, also 21 Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers, die erste komplette Aufführung erleben sollte.

Auch in Innsbruck bleiben die „Trojaner“ ein Kompromiss. Allerdings kein fauler: Die dortige Fassung, inszeniert von der Hausherrin, dampft den Fünfeinhalbstünder aufs vierstündige Ereignis inklusive Pausen ein. Gestrichen wurden fast alle Ballette und Pantomimen, zudem entfernte man aus vielen Nummern mit scharfem Skalpell und kundiger Nähtechnik Strecken im 50-Takte-Bereich. Operation gelungen: „Die Trojaner“ überlebten, weil die (auch musikalisch) episodenhafte Entwicklungsarbeit von Berlioz ja Sprünge und Raffungen verträgt.

Vom Überangebot des Komponisten ließ sich Brigitte Fassbaender nicht verführen. Mit ihrem hervorragenden Bühnenbildner Helfried Lauckner räumt sie die Szene frei. Troja ist ein hoher, spitz zulaufender Winkel, durch dessen Wandöffnungen Soldaten aufmarschieren, Karthago eine goldsandfarbene Fläche am Meer, die von einer Palme kurz vor dem Vertrocknungstod überragt wird.

Berlioz’ Musik bleibt also genug Raum zum Atmen, allerdings etwas wenig Substanz für die Wirkung. Gewiss: Der Chor des Landestheaters bewältigt die vertrackten Rhythmen und dynamischen Anforderungen erstaunlich souverän. Und das Tiroler Symphonieorchester, mit straffem Zügel geführt und temperamentvoll angestachelt von Nicolas Chalvin, spielt so exzellent, als sei die Partitur Alltägliches à la „Carmen“. Auch Berlioz’ oft bizarre, „störende“ Bläser-Passagen werden klangbewusst herausgearbeitet. Doch fehlt der Aufführung, bedingt durch die kleine Besetzung, jene Grundierung, die die Musik im Bedrohlichen erdet, ihr Fleisch gibt. Und zum Einzug des trojanischen Pferds, wenn Berlioz Fern- und Nah-Ebenen kühn staffelt, sich annähern lässt und überblendet, bleibt es beim bloßen Kassandra-Solo mit Hintergrund-Sound. Die Trojaner in Innsbruck also: ein zuweilen vegetarisches Klang-Ereignis.

Ohnehin sind die archaischen Aufmärsche der Soldateska nicht die Sache von Brigitte Fassbaender. Sie vertraut aufs große Tableau, bleibt damit auch gern im Arrangierten, Dekorativen stecken. Und sie interessiert sich weniger für die Männer, die immer mit fadenscheinig-göttlichen Gründen ins Gemetzel müssen, oder die, wie hier im Falle von Minister Narbal, Didos Erschütterung ausnutzen wollen und sich endlich Minne erhoffen.

Brigitte Fassbaenders „Trojaner“ sind eine Geschichte der einsamen Frauen. Der schwachen wie Didos Schwester Anna, die sich am Ende eitel mit edlen Stoffen tröstet. Und der starken wie Kassandra, die mit ihren Gefährtinnen – gottlob ohne blutströmenden Realismus – in die Unterwelt hinabfährt: Jennifer Chamandy gestaltet diese Todesbotin mit starker Ausstrahlung und beherzt dramatischer, manchmal auch zu druckvoller Tongebung.

Wie die meisten ihrer Kollegen ist sie übrigens ein „Eigengewächs“ des Landestheaters. Was wieder einmal das einschüchternde musikalische Niveau des Hauses unterstreicht und ein Hohelied des Ensembles singt: Wer sogar für Nebenrollen erstklassige Kräfte wie Bernd Valentin (Chorebus), Brenden Gunnell (Iopas), Andreas Mattersberger (Soldat) oder Martin Mitterrutzner (Hylas) aufbietet, muss nicht teuer auf dem Markt einkaufen. Höchstens in Einzelfällen wie bei Daniel Magdal. Der ist als betriebsblinder Held gut besetzt, führt aber eine etwas stumpfe Tenor-Waffe ins Feld – da muss man schon stark zustoßen, um Wirkung zu erzielen.

Dass die Aufführung im zweiten Teil gewinnt, liegt nicht nur an einem weiteren Gast, an Michelle Breedt als Dido. Befreit vom waffenklirrenden Ballast der Troja-Bilder wagt Brigitte Fassbaender hier humoristische Distanz. Ihr lichtes Karthago atmet einen Hauch von Offenbach, um dann in die berührende Tragödie zu münden. Allein, zwischen Stacheldrahtzäunen und begafft vom Volk, singt Dido ihre finale Szene. tanzt mit dem verdutzten Narbal einen Walzer, reißt sich am Draht die Pulsadern auf, bevor sie im gleißenden Spot zu Boden sinkt.

Michelle Breedt singt das mit frappierender Gestaltungsintelligenz, großem Stilbewusstsein und einem weich gefassten, ausgeglichenen, nie ausufernden Mezzo. Ihre Dido wird spätestens jetzt zum Mittelpunkt der bejubelten Aufführung und zur geistigen Schwester Lucia di Lammermoors oder Anna Bolenas – jener Belcanto-Heldinnen also, denen nur eines bleibt: sich aus dem Männer-Wahnsinn in ihre eigene, tödliche Realität zu flüchten.

Weitere Vorstellungen: 4., 11., 31.10., 8., 14.11., Telefon: 0043/ 512/ 52 07 44.

Markus Thiel

Die Besetzung

Dirigent: Nicolas Chalvin. Regie: Brigitte Fassbaender. Bühne: Helfried Lauckner. Kostüme: Michael D. Zimmermann. Chöre: Nikolaus Netzer/ Jan Altmann. Darsteller: Jennifer Chamandy (Kassandra), Daniel Magdal (Aeneas), Christine Buffle (Ascanius), Bernd Valentin (Chorebus), Michelle Breedt (Dido), Lysianne Tremblay (Anna), Brenden Gunnell (Iopas), Sébastien Soules (Narbal), Martin Mitterrutzner (Hylas) u.a.

Die Handlung

Kassandra warnt die Trojaner vor Unheil, bittet auch ihren Verlobten Chorebus, die Stadt zu verlassen. Er bleibt aus Liebe. Die Trojaner bringen das hölzerne Pferd, das die Griechen zurückgelassen haben, in die Stadt. Die darin versteckten Soldaten metzeln alles nieder. Kassandra und die Frauen töten sich, Aeneas kann fliehen: auf göttliches Geheiß soll er das neue Reich Italien gründen. Auf seiner Flucht kommt er zur karthagischen Königin Dido. Sie verliebt sich in ihn. Aeneas ist zerrissen zwischen Pflicht und Neigung. In einer Vision mahnen ihn tote Trojaner an seinen Auftrag, er segelt davon. Dido bringt sich um.

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