Flucht ist nicht möglich

- Auf den Kern herunter geschmolzene Texte, leere Räume, die Entdeckung der Körpersprache - damit avancierte Michael Thalheimer, 38, zuvor Schlagzeuger und Schauspieler, in kurzer Zeit zum Regietheater-Star. Seine radikal knappen Klassiker-Inszenierungen - "Emilia Galotti" in 80 Minuten! - in Berlin, Dresden und Hamburg waren Publikumsrenner. Und warum dies, weiß man spätestens jetzt auch in München. Mit Büchners "Woyzeck" (2003), ausverkauftes, stürmisch umjubeltes Zwei-Tage-Gastspiel vom Hamburger Thalia, gab er an den Kammerspielen soeben eine glänzende Visitenkarte ab. Wedekinds "Musik" kann er im Sommer nun ganz relaxed angehen.

<P class=MsoNormal>Musik auch für "Woyzeck": "Quando, quando" gurrt ein selbstverständlich in seiner verlebten Patina ruhender Bar-Crooner (Markus Graf) diesen Italo-Gefühlsschmelz links in ein Standmikro. Und hinten knallt Peter Moltzens Woyzeck an die Rückwand von Olaf Altmanns silbrigem Metall-Käfig, aus dem keine Flucht möglich, einen Farbstoff-Beutel. Da tropft schon "der Mond wie ein blutig Eisen". Liebe als schöne Illusion und als bittere Wirklichkeit, bis hin zum Mord. Thalheimers Thema also gleich zu Beginn ganz klar umrissen. Und das geht bis zum Ende so, ironisch simultan (wie im richtigen Leben, verkitscht gesagt): die Säuselschlager in regenbogenbuntem Ballsaal-Licht und das - vergebliche - Greifen nach dem anderen: Woyzeck nach Marie, Fritzi Haberlandts Marie nach dem Tambourmajor, nach irgendjemandem, Doktor oder Hauptmann.</P><P class=MsoNormal>Im Käfig des Wahns</P><P class=MsoNormal>Die liegen bereits in ihrem Blute. Wie nur konnten, übrigens, die paar Kleckser Symbolfarbe das Salzburger Festspiel-Publikum 2003 zum Buh-Sturm provozieren? Woyzeck hat den beiden Popanzen das Rasiermesser durch die Kehle gezogen. Ein Ausgebeuteter _ das klingt schon auch bei Thalheimer an - hat sich, endlich, gewehrt. Und wenn es nur in seiner Vorstellung ist, die ja auch seine drei Peiniger als überzogene Karikaturen auftanzen lässt. Deren (allzu schnell bekichertes) Marionetten-Ballett, ihr herausgepresstes blödes Laut- und Wortgestammel ist letztlich schiere Metapher des Grauens. Eine Gratwanderung für die Darsteller, die auch nicht alle gleich stark waren.</P><P class=MsoNormal>Zum nie gelösten Fragment-Puzzle des genialen jungen Büchner hat Thalheimer sein eigenes inszeniert. Die Zeiten wird es wohl nicht überdauern. Aber jetzt hat es uns gepackt.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Samsationell – Paul Maar wird 80!
Heute feiert Paul Maar seinen 80. Geburtstag. Wir haben den Kinderbuchautor und Erfinder des „Sams“ in seiner Wahlheimat Bamberg besucht. 
Samsationell – Paul Maar wird 80!
Andreas Beck wird Resi-Chef
Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle stellte Andreas Beck als neuen Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels vor. Der 52-Jährige folgt auf Martin Kušej, der München …
Andreas Beck wird Resi-Chef
„Metallischer und düsterer“: Emil-Bulls-Sänger im Interview
Emil Bulls haben sich mit einem neuen Album zurückgemeldet. Am Samstag tritt das Quintett im Backstage auf. Im Interview spricht Sänger Christoph von Freydorf über die …
„Metallischer und düsterer“: Emil-Bulls-Sänger im Interview
Mahnmal für Georg Elser: Die Geschichte hinter dem Grafitto
Das große Graffito an der Bayerstraße ist ein echter Hingucker - und viel mehr als nur Wandmalerei. Im Making-Of-Video erzählen Loomit und Won von ihrem Verhältnis zu …
Mahnmal für Georg Elser: Die Geschichte hinter dem Grafitto

Kommentare