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Hubert Achleitner, besser bekannt als Hubert von Goisern, hat seinen ersten Roman veröffentlicht. 

„Flüchtig“ von Hubert Achleitner im Zsolnay Verlag erschienen

Hubert von Goisern legt seinen ersten Roman vor

  • Michael Schleicher
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Hubert von Goisern ist als Musiker weit gereist und weltbekannt. Nun hat er mit „Flüchtig“ seinen ersten Roman veröffentlicht – unter seinem Geburtsnamen Hubert Achleitner. Unsere Kritik:

Hier ist jeder auf der Flucht. Maria natürlich, die alles hinschmeißt, um wortlos aus ihrem Alltag und ihrer bleiernen Ehe mit Herwig zu verschwinden. Er, den seine Bekannten nur „Wig“ nennen, haut zu diesem Zeitpunkt längst schon regelmäßig ab in Noras Bett. Die wiederum entzieht sich ihrem Geliebten mitunter geschickt, indem sie mit ihrem offiziellen Freund zusammenzieht. Dann ist da noch Lisa, die eh ständig unterwegs durch Europa ist – auf der Suche nach einem guten Leben, nach Erfüllung. Lisa erzählt diese Geschichte, die Hubert Achleitner in „Flüchtig“ aufgeschrieben hat.

Hubert von Goisern gilt als Erfinder des Alpenrocks

Der Roman, der heute in die Buchläden kommt, ist das literarische Debüt des Österreichers. Als Musiker nennt sich der Künstler nach jenem Ort, an dem er 1952 geboren wurde: Hubert von Goisern, der einst den sogenannten Alpenrock erfunden hat, ist längst einer der wichtigsten, kreativsten Vertreter der „Neuen Volksmusik“ – obendrein ein Klangforscher und Grenzgänger. Das macht sein Schaffen so schillernd, spannend, vielseitig. Knapp zehn Jahre ist es her, da erzählte er im Gespräch mit unserer Zeitung von seiner Sehnsucht, eines Tages einen Roman zu schreiben: „Es muss Träume und Wünsche geben“, sagte er. „Wunschlos zu sein, geht für den Augenblick. Aber auf Dauer ist Wunschlosigkeit lebensfeindlich.“

In der Rückschau wirkt es, als habe er bereits damals ein Leitmotiv von „Flüchtig“ formuliert. Denn egal, ob Haupt- oder Nebenfigur – sie alle sind getrieben von ihren Wünschen, den Träumen, die sie für ihr Leben haben. Und dabei ist es vollkommen wurscht, ob die nun profan oder hehr sind.

Achleitner schickt seine Figuren quer durch Europa

So wie der Musiker Goisern keine (Genre-)Grenzen kennt, so schickt auch der Autor Achleitner seine Protagonisten quer durch Europa bis nach Griechenland: „Flüchtig“ funktioniert tatsächlich wie ein Roadmovie, ohne jedoch in den Klischees vom Unterwegssein festzustecken. Achleitner erzählt zügig und unterhaltsam, sein Stil ist angenehm schnörkellos. Zwar tendiert er dazu, manch hingetupfte Andeutung im Fortgang doch noch zu erläutern (etwa den Vornamen seiner Hauptfigur, die auf Eva Maria Magdalena getauft ist). Das mag aber auch daran liegen, dass der Debütant unsicher ob der Wirkung seiner Sätze ist. Dabei sind seine Bilder unangestrengt, schön und mitunter von herrlich lakonischer Prägnanz: „Es war Vögeln so, wie es sich der Papst vorstellte, lustloser Befruchtungsvollzug“, bringt er etwa den faden Sex von Maria und Wig auf den Punkt, der sich einschlich, nachdem das Paar sein erstes Kind in der Schwangerschaft verloren hatte. Jenes Unglück markiert den Auftakt der Entfremdung in einer einst zarten, faszinierenden Liebe.

„Flüchtig“ heißt Hubert Achleitners erster Roman

Es ist Marias Begleiterin und Freundin Lisa, die davon berichtet. Sie gebe die „Dinge so wieder, wie sie geschehen oder, da, wo ich nicht dabei war, wie sie mir berichtet worden sind“, verspricht sie gleich auf der ersten Seite. Dennoch scheint Achleitner auch ihr nicht völlig zu trauen. Als Lisa, trampend am Straßenrand, bei Maria in den Wagen steigt, wechselt er sicherheitshalber in die auktoriale Perspektive.

Fortan folgen wir den Frauen bei ihren herrlich geschilderten Zufallsbegegnungen: „Die schönsten Flüsse sind doch jene, die mäandern, nicht die regulierten Kanäle“, wie Lisa richtig bemerkt. Und wir erleben, wie Wig („ein geborener Optimist“) zuhause in Österreich zwischen Schuldbewusstsein, Sorgen und neu gewonnener Freiheit das Verschwinden seiner Frau ergründen will. Achleitner gelingt es dabei, alle Figuren plastisch, ihr Handeln und ihre Gefühle nachvollziehbar zu gestalten.

Trotz des Themas verliert seine Geschichte nie ihren leichten, unterhaltsamen Ton. Das liegt auch daran, dass „Flüchtig“ von einer leisen Religiosität durchwirkt ist, die weitab von Institutionen die Seele der Menschen zu berühren vermag – und Hoffnung spendet. Denn manchmal führt eine Flucht die Fliehenden derart weit voneinander weg, dass sie einander am Ende wieder begegnen.

Informationen zum Buch:

Hubert Achleitner: „Flüchtig“. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 301 Seiten; 23 Euro.

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