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Der Boxring wird zum Theater, wenn der afghanische Flüchtling Wali B. und Schauspieler Christian Auras die Geschichte des Sinto Johann Wilhelm Trollmann (1907–1944) auf die Bühne bringen, der 1933 Deutscher Meister im Halbschwergewicht war.

Von Afghanistan nach München geflohen

Wie Flüchtling Wali B. seine Angst wegboxte

München - Wali B. hat Schreckliches erlebt. Er ist aus Afghanistan geflohen. Endstation: Münchner Hauptbahnhof. Mit dem Boxen hat er einen neuen Weg gefunden - und steht nun sogar auf der Bühne. 

Das Auswärtige Amt hatte 2014 noch Gutes zu vermelden. Afghanistan habe „wichtige Schritte in seiner demokratischen Entwicklung vollzogen“, heißt es in einem Dokument. Das klingt nicht schlecht. Die konkrete Situation im Land aber sieht anders aus. Laut einem Bericht des „Asylmagazins“ gehören in 30 von 34 afghanischen Provinzen bewaffnete Konflikte zum Alltag. Die Taliban bedrohen die Bevölkerung. In der ersten Hälfte des Jahres 2015 gab es über 1500 zivile Todesopfer. Sogar der afghanische Minister für Flüchtlinge und Rücksiedlung erklärte 80 Prozent des Landes für unsicher. Der Schutz des Einzelnen ist schlicht unmöglich.

Wali B. lebte in Afghanistan. Er heißt nicht wirklich so. Sein echter Name soll nicht in die Zeitung. Dafür hat der junge Afghane zu viel erlebt. Im September 2014 kam er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling am Münchner Hauptbahnhof an. Dort fragte er einen Passanten nach einem Ort, an dem er unterkommen könne. Der Herr spendierte ihm eine Fahrkarte und schickte ihn mit der U-Bahn zur Bayernkaserne.

Über seine Flucht aus Afghanistan möchte Wali nicht sprechen. Auch nicht über die Gründe. Zu traumatisch. Viel lieber redet er über seine kurze, aber intensive Zeit in Deutschland. Aus dem Jugendlichen, der vor eineinhalb Jahren völlig fremd nach München kam, ist ein anderer geworden. Heute lebt er nicht mehr in einem überfüllten Schlafsaal. Auch nicht mehr in einem speziellen Heim für junge Flüchtlinge, in dem er außer „lernen, schlafen und essen“ nichts zu tun hatte. Heute wohnt er bei einer dreiköpfigen Familie, geht zur Schule, spricht gut Deutsch und hat ein großes Hobby. Wali boxt. Nicht nur im Ring, auch auf der Bühne.

Wali ist im Theaterstück "Zigeuner-Boxer" im Münchner Boxwerk zu sehen

Morgen ist es wieder so weit. Dann ist Wali im Münchner Boxwerk im Theaterstück „Zigeuner-Boxer“ zu sehen. Darin geht es um den deutschen Sinto Johann Wilhelm Trollmann, im Drama Ruki genannt. Trollmann war Boxer, errang 1933 die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht. In den folgenden Jahren wurde er von den Nazis schikaniert. Er starb 1944 in einem Konzentrationslager.

Als Erzähler der Geschichte fungiert Hans, Trollmanns Freund. Schauspieler Christian Auras von der Tollhaus Theater Compagnie spielt diesen Hans. In einigen Rückblenden und Erinnerungen von Hans taucht Ruki auf. Ursprünglich sollte ein Bühnenprofi den Sportler geben. Aber Nick Trachte, Chef des Boxwerks, wusste einen besseren Kandidaten. Einen, der richtig boxen kann. Einen wie Wali.

„Ich habe die Geschichte gelesen. Sie ist sehr traurig, berührt das Herz“, sagt Wali über „Zigeuner-Boxer“. Zwar hatte er schon in Afghanistan etwas über die Nationalsozialisten und den Holocaust gehört. Richtig viel erfahren aber hat er erst in München in der Schule. Dass er als Flüchtling nun in einem bayerischen Klassenzimmer lernen darf, war keine Selbstverständlichkeit. Walis neue deutsche Familie klingelte bei 30 Schulen an. Nur eine wollte den jungen Afghanen. Seine Noten sind gut. Später will Wali vielleicht Medizin studieren. An seine neue Rolle als Boxer-Darsteller musste er sich erst einmal gewöhnen.

Das Boxen war freilich nicht das Problem. Das hat er schon in Afghanistan gemacht. Anfangs eher aus Zufall. Alleine durfte er nicht zum Sport gehen. Aber er durfte seinen Cousin begleiten. Und der ging eben Boxen. Heute ist Wali richtig gut. Zum Boxwerk kam er, weil dessen Chef Nick Trachte regelmäßig Trainingseinheiten für junge Flüchtlinge anbietet. Als der zuständige Trainer Wali sah, sagte er: „Du bist gut, du kannst zu den Wettkämpfern gehen.“ Walis siegreiche Teilnahme an einem Turnier half dem Boxwerk im Herbst sogar, einen wichtigen Pokal zu erringen.

Härter als das Boxen auf der Bühne war für den Flüchtling das Spielen vor Publikum. „Am Anfang war es sehr schwer, ich dachte, ich schaffe das nicht“, sagt er. Erst als sich Schauspielprofi Christian Auras bei den Proben einmal in seinem Text verhaspelte, wurde Wali ruhiger: Pannen passieren sogar den Besten. Für seine ersten beiden Theaterauftritte im vergangenen November erntete er tosenden Applaus.

Doch für das Boxwerk ist er heute nicht nur als Sportler und Schauspieler tätig. Neben der Schule absolviert er dort ein Praktikum und hilft beim Training mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen: „Ich will, dass sie Spaß haben und wieder fröhlich werden.“

Obwohl Wali in München recht gut angekommen ist, quält ihn das Heimweh. Auch fällt es ihm oft schwer, die hiesige Kultur zu verstehen. Die Deutschen, sagt er, seien viel direkter als die Menschen in Afghanistan. „Bei uns ist man sehr höflich. Und hier fragte ich mich oft: ,Warum sind sie so unhöflich?‘ Es dauerte, bis ich damit zurechtkam.“

Ein bisschen hilft in solchen Situationen dann das Boxen. „Boxen erfordert Disziplin, Willensstärke und Ausdauer und entwickelt somit neben physischer vor allem auch mentale Stärke“, meint Nick Trachte. „Die nötige Konzentration im Training schafft eine wohltuende Distanz zum Alltag und kann bei der Bewältigung und Verarbeitung von Krisensituationen helfen.“

Katrin Hildebrand

Info

Das Theaterstück „Zigeuner-Boxer“ ist Samstag (12. März), 20 Uhr, im Münchner Boxwerk, Schwindstraße 5, zu sehen; Telefon 089/ 12 50 96 543.

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