Aus der Flüstertüte

- "Krasse Farbe" ist einer der ersten Kommentare. Dieses Neon-Orange-Pink ist auch wirklich nicht zu übersehen. Meterhoch stülpt sich das Megaphon mit durchschlagender Signalwirkung dem Passanten und Autofahrer am Museumsplatz vor dem Münchner Lenbachhaus entgegen. Was von außen nach einem braven weißen Lattenverschlag ausschaut, entpuppt sich innen als vieldeutiger Farbensog. Benjamin Bergmann hat wieder eine spektakuläre Großskulptur geschaffen.

"Beben" nennt der Münchner Holzbildhauer seine überdimensionale Flüstertüte, und die Erschütterung des Stadtbildes ist nicht nur optisch gemeint. Zu jeder vollen Stunde ertönt für zweieinhalb Minuten ein tief brummender Basston, der, wäre er lauter, die Propyläen zum Zittern und Bröckeln bringen könnte. Momentan aber legt er sich nur dezent in die Magengrube und verbreitet unterschwelliges Unbehagen. Gegenüber, auf der riesigen Holzbank, kann man sich die Ferndiagnose dazu erschließen. Inmitten der Geräuschkulisse spürt man das mehr, als dass man es hört.

Die friedliche Ruhebank ist also auch trügerisch. Letztlich ist es ohnehin etwas Aggressives, das im Megaphon liegt: Es erinnert an Propagandareden, die unweit eine unheilvolle Geschichte kommentierten und denen auch eine gewisse Anziehungskraft nicht abzusprechen war. Trotz dieser Assoziationen ist der erste Farbversuch, den Bergmann hier unternimmt, aber auch eine ästhetische Sache, die mit dem architektonischen Umfeld kommuniziert. Besonders nachts, wenn die Neonröhren zwischen den Holzwänden angeschaltet werden, strahlt das Megaphon - und der Besucher, der die Skulptur betreten darf. Da könnte man noch viel philosophieren über beredte Kunst...

Bis Oktober, Eintritt frei.

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