Der Förster vom Bühnenwald

- Höchstwahrscheinlich ist Michael Lerchenberg der einzige Theaterintendant, der sich beruflich mit der Wachstumsgeschwindigkeit heimischer Nadelgehölze beschäftigt. Seit 2004 leitet der Schauspieler, Stoiber-Doppelgänger und Regisseur die Luisenburg-Festspiele auf der berühmten Felsenbühne in Wunsiedel. "Es kann sein, dass ein Sturm einen zentralen Baum umlegt", sagt Lerchenberg. "Ein anderer muss so gepflegt werden, dass er nicht für längere Zeit die Sicht versperrt."

Auf Ludwig Thomas "Wittiber" etwa, Anton Tschechows "Möwe", das Kinderstück "Pippi Langstrumpf" sowie Cole Porters "Kiss me, Kate!", die in diesem Jahr die Eigenproduktionen der Luisenburg sind.

Wie haben sich unter Ihrer Intendanz die Besucherzahlen entwickelt?

Lerchenberg: Wir hatten im vergangenen Jahr mit 137 000 Zuschauern die zweitbeste Spielzeit in der Geschichte der Festspiele. In den 60er-Jahren gab es einmal eine noch bessere. Und für die aktuelle läuft der Vorverkauf bereits unglaublich gut, vor einigen Tagen hatten wir ein Plus von 15 000 Karten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das zeigt, dass die Leute den Mix mögen, den wir machen. Gerade der Vorverkauf für Ludwig Thomas "Wittiber" schlägt zurzeit ein. Das zeigt deutlich einen Bedarf nach anspruchsvollem Volkstheater und regionaler Kultur.

In Ihrer eigenen Textfassung und Inszenierung des "Wittiber" stehen Sie in der Hauptrolle auch selbst auf der Bühne. Warum die Vielfachbelastung?

Lerchenberg: Die Proben hütet mein Regieassistent, und dann bin ich a priori Schauspieler. Ich hätte das nicht gemacht, wenn ich mir des Zugriffs auf die Rolle nicht sicher gewesen wäre. Ich habe früher viel Thoma gespielt, mit den großen Thoma-Schauspielern Gustl Bayrhammer und Toni Berger, und habe das quasi im Ohr. Und der Roman hat ja eine große dramatische Qualität. Man muss eigentlich nur gut streichen. Weil das ein harter Stoff ist mit viel Gestreite, suchten wir einen entspannenden Kontrapunkt: Die Brüder Hans und Christoph Well haben uns nun Liedtexte und Musik dazu geschrieben.

Wieviel Zeit kostet Sie eigentlich die Leitung dieser Sommerfestspiele?

Lerchenberg: Das ist, mit wechselnder Intensität, ein Ganzjahresjob: die Spielzeit 2007 ist in Planung, über 2008 denken wir schon nach. Aber ich bin ein Triebtäter und habe mich dafür entschieden, weil es mir Spaß macht. Im vergangenen Jahr wurde mein Vertrag bis 2011 verlängert. Drei Spielzeiten vergehen so schnell, und erst im dritten Jahr hat man so ein Theater im Griff.

Warum haben Sie in diesem Volkstheater-Rahmen Tschechows "Möwe" auf den Spielplan gesetzt?

Lerchenberg: Eins von vier Stücken war schon immer ein Klassiker, sei es von Shakespeare oder einem Deutschen. Noch nie wurde ein Russe aufgeführt. Ich bin ja ein Verfechter der Sprechtheaterqualität dieser Bühne. Drei von vier Akten der "Möwe" spielen im Freien, die Birke haben wir auch schon auf der Bühne, da lag das Stück doch nahe. Man hat sich in Wunsiedel schon immer am qualitätvollen Sprechtheater orientiert. Neu ist in diesem Jahr, dass wir bei "Kiss me, Kate!" auch Musicaldarsteller im Ensemble haben. Rainhard Fendrich, den wir für einige Vorstellungen gewinnen konnten, blüht gerade darin auf und schwärmt: ,Ich spiele jetzt nur noch Theater.’

Was reizt Sie so besonders an der Luisenburg?

Lerchenberg: Diese Bühne, ihre Lebendigkeit, obwohl sie aus Stein ist. Wenn es so etwas gibt wie mystische Orte, dann ist diese Bühne einer. Sie fordert heraus: Wie kann man sie noch ausreizen?

Das Gespräch führte Christine Diller

Rainhard Fendrich als Petruchio und Ina Nadine Wagler als Bianca in "Kiss me, Kate!" auf der Luisenburg. Fotos: Luisenburg

Inszeniert und spielt den "Wittiber" auf der Luisenburg: Intendant Michael Lerchenberg.

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