Des Försters Traum

- Eine "Waldidylle" sollte es sein, meinte der Komponist, so schön wie trügerisch, so unschuldig wie grausam. Ein Lehrstück über das, was der in Zivilisation gefesselte Mensch irgendwann einmal verlor, das ihm nun, zum Anschauungsunterricht, als Gegenwelt präsentiert wird. Glücklicherweise scheint die Regie über die putzige Disney-Phase bei Janaceks "Das schlaue Füchslein" hinaus.

<P>Und dass sich in der Märchen-Fabel-Tragödien-Melange Tiefenpsychologisches plus Gesellschaftskritik verbirgt, das weiß natürlich auch Daniel Slater, der die Oper zum Start der Bregenzer Festspiele fürs Festspielhaus inszenierte. </P><P>Slater und sein Ausstatter Robert Innes Hopkins gehen einen Schritt weiter, also: kein Wald, dafür ein in sich verschiebbares Gewölbe, auf dessen Furnierholz die grüne Mustertapete zitathaft blättert, in das auch die vergitterten Wohnverliese der Försterfamilie eingebaut sind. Keine Tierschau, dafür nur dezente Accessoires (das schwarze Regencape des "Froschs", einige Variationen bei den Kopfbedeckungen). Vom dunklen Tann, wo's kreucht und jubiliert, verpflanzen Slater/Hopkins das Stück in eine dumpfe, wohl tschechische Kellerkneipe weit vor der Wende, deuten die Handlung an als Vision des Försters, der - unterstützt vom guten Gerstensaft - am Tisch entschlummert. </P><P>Sein Sehnen manifestiert sich in den Zwischenspielen, wenn Choreographin Aletta Collins ein Tänzerpaar zum leidlich knisternden Pas de deux an die Rampe schickt. Sicher: Es muss nicht gleich eine Kreativitäts-Offensive sein, mit der Jürgen Rose Münchner Opernfans überwältigte. Doch im Bestreben, Janaceks doppel- bis dreifachbödiges Werk zu entzaubern, raubt ihm Slater auch allen Zauber.</P><P>Die Genialität des "Schlauen Füchsleins" besteht ja gerade darin, ganz grazil, ganz duftig Hochsubstanzielles zu transportieren. Geht das verloren, bleibt die Bregenzer Lösung, die das Stück auf merkwürdig charmelose, unpoetische und unerotische Weise aufrollt.</P><P>Wagt sich Slater ans Humorige, wird's krampfig oder betulich, ausgenommen die böse Hennen-Szene mit den "Eier legenden", sich eitel plusternden Ratschkathln, deren Luftballon-Bäuche schließlich explodieren. Holde Minne wird einfach den beiden Gästen vom Ballett zugeteilt - oder erscheint gar in einer fast aggressiven Variante wie beim Füchslein und seinem lederbejackten Artgenossen. Nichts davon zu spüren zwischen Förster und Titelfigur. Letztere lässt Daniel Slater als angezicktes Flittchen im Fuchskragenmantel einherstöckeln, wodurch, welch Kardinalfehler, die Figur nicht gerade als Sympathieträger bezirzt und die aufrichtige Zuneigung des Försters zur schnellen Affäre verkleinert wird. </P><P>Am Schluss gibt's<BR>doch noch eine Idylle</P><P>Doch das mag auch an der Besetzung mit der unterkühlten Margareta Klobucar liegen, deren leicht ansprechender Sopran zunächst lyrische Süße verbreitet, sich später aber soubrettig zuspitzt. Gesungen wurde übrigens im tschechischen Original (mit deutschen Übertiteln), dessen  Sprachklang  deutlich besser mit der Musik harmoniert als manch gestelzte Eindeutschung. Peter Coleman-Wright, obwohl mit markantem, sehr ausgeglichenem Bariton gesegnet, musste sich bis auf den Schlussmonolog mit eher untergeordneter Wirkung begnügen. Was wiederum den "Nebenrollen" deutlich mehr Aktionsradius ermöglichte: Brian Bannatyne-Scott (Pfarrer), Wolfgang Bankl als Landstreicher Harasta, vor allem Stefan Margita, ein Schulmeister mit jugendlich-heldenhafter Präsenz, lieferten weitaus kraftvollere, lebensechtere Charakterstudien. </P><P>Aufhorchen ließ vor allem aber Nataliya Kovalova (Fuchs), deren höhensicherer Mezzo eine eigentümlich herbe Sinnlichkeit entwickelte, die gut zum Macho-Typ passte. Die Mini-Solisten vom Prager Philharmonischen Kinderchor gingen erstaunlich sicher und spielfreudig mit dem komplizierten Stück um, stahlen daher den "großen" Kollegen des Moskauer Kammerchores glatt die Schau.</P><P>Offenbar litten am schwülen Klima des Premierentags die Damen und Herren im Graben: Den Wiener Symphonikern unter der Leitung Vladimir Fedoseyevs unterliefen kleine Sündenfälle, Präzision und rhythmische Prägnanz stellten sich erst allmählich ein. Fedoseyev hielt sich im Hintergrund, steuerte eine farbenreiche, solide, manchmal allzu brave Deutung bei, die die Sänger trug, aber nur selten starkes Profil entwickelte und daher das Potenzial der Partitur nicht vollständig ausschöpfte. Die letzten Minuten dagegen, wenn der Förster nach melancholischem Fazit in den utopisch hellen Hintergrund wandert, gelangen Musik wie Regie eindrucksvoll und stimmig. Also doch Idylle - wenn auch eine (zu) spät nachgereichte.</P><P>Weitere Vorstellungen des "Füchsleins" im Festspielhaus am 20., 24., 27. und 31. Juli. Tel. 0043/55 74 40 76.<BR></P>

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