Nur die Form zählt

- Javier Marías arbeitet mit allen Tricks: Er formuliert Rätsel, um sie nicht zu lösen; er lässt warten und uns letztlich im Unklaren, worauf; er zögert das Ende hinaus, obwohl es dann gar nicht stattfindet. Und das alles in einem Roman, der zu weiten Teilen nicht der seine ist. Oder anders gesagt: Nur für die Rahmenhandlung seines bereits 1972 verfassten, jetzt auf Deutsch erschienenen Romans "Die Reise über den Horizont" kann man den spanischen Erfolgsautor verantwortlich machen.

<P>Auf der Spur eines mysteriösen Reisenden <BR><BR>Denn der Roman im Roman gleichen Titels kann so gut oder schlecht sein, wie er will, Marías hat ihn einem fiktiven Autor untergejubelt und lässt einen Rezipienten in seinem Buch schelmisch urteilen, "dass der Roman mehr als interessant sei, obwohl die Erzählung zuweilen etwas schwerfällig daherkomme und und die Dialogpartien den anderen weit unterlegen seien". Und das trifft auch auf Marías` Buch zu, also auf den Roman im Ganzen. <BR><BR>Doch Schritt für Schritt: Aufmerksam, am besten hellwach und tunlichst nicht ohne Markierung eines jeden Abzweigs der kompliziert literarischen Wegführung muss man sich voranlesen. Ausgangspunkt ist der Salon des Ich-Erzählers. Mit zwei ihm unbekannten Gästen verabredet er sich für die zwei folgenden Tage, die im Buch erzählt werden. Der eine Gast, Mr. Bunshaw, besitzt das unveröffentlichte Romanmanuskript eines Freundes und trägt es Miss Bunnage sowie dem Ich-Erzähler vor. Das ist der etwas sperrige Rahmen. <BR><BR>Sein in die Ferne schweifender Inhalt: Das Manuskript rekonstruiert eine Schiffsreise des inzwischen verstorbenen, berühmten Schriftstellers Victor Arledge. Dem ist die Expedition so wichtig geworden, weil er glaubt, dem Geheimnis eines mysteriösen Mitreisenden auf die Spur kommen zu können. Und dieses Mysterium spielt auf der vorerst letzten Ebene: Der Mitreisende war seinerzeit entführt worden und erzählt überall eine unglaubwürdige Geschichte davon, die Victor Arledge von einem Freund noch vor der gemeinsamen Reise brieflich mitgeteilt worden ist und nun seine Neugier bis zur bohrenden, aggressiven Unhöflichkeit reizt. <BR><BR>Ob der naseweise Arledge darüber jemals die Wahrheit erfahren, ja die vermeintliche Entführung überhaupt stattgefunden hat, was mit dem unzulänglichen Manuskript weiterhin geschieht, warum die Zuhörerin Miss Bunnage sterben muss und der Ich-Erzähler "Die Reise über den Horizont" doch noch ganz gelungen findet, interessiert nicht. Nicht Marías jedenfalls. Sondern die Konstruktion, die so umständlich wie konsequent ist: Verschränkt wie die große Romanform gestalten sich im Kleinen die Sätze. Wenn diese zähe Masse in ihrer Manieriertheit auch fast zu erstarren droht. <BR><BR>Der damals gerade zwanzigjährige Marías hatte bereits einen langen Atem, der auch noch für hochgestochenen, altertümelnden Stil reichte, wenn man der - gut lesbaren, sehr gewandten - Übersetzung Elke Wehrs glauben darf. Dass er damit sich und seiner künftigen Leserschaft damals sein literarisches Niveau zu beweisen suchte, versüßt uns heute nicht unbedingt die Lektüre. <BR><BR>Man kann den Roman aber auch ganz anders betrachten. Indem Marías zu einem guten Teil von ihm Abstand nimmt, gar die literarische Qualität dieses Romans im Roman in Frage stellt und sich der Verantwortung für ihn entzieht, suggeriert er: Das Erzählte ist nicht so wichtig, die Form zählt. Ein kompliziertes Konstrukt wollte der junge Marías offenbar stemmen. Zugute kommt ihm, dass er bei aller stilistischer Gefallsucht die Technik komplizierter Perspektivwechsel beherrscht. Jeder einzelne von ihnen ist viel versprechend, geheimnisvoll, betörend. Alle seine Figuren lässt er Erwartungen aufbauen, verweigert ihnen dann aber die Erfüllung. <BR><BR>Und so macht sein Hauptprotagonist Victor Arledge eine Reise am Horizont seiner Leidenschaft, einer übermächtigen Neugier, entlang, aber nie über diesen hinaus. Ihre Befriedigung bleibt unerreichbar. So wie für alle übrigen Figuren, den Autor, den Vorleser und die Zuhörer des fiktiven Romanmanuskripts, und schließlich für uns Leser die Lösungen aller Rätsel ausbleiben, weil sie irgendwo hinter der Grenze zwischen Himmel und Erde liegen. Ein jugendlicher Spaß und ein Schritt auf dem Weg zum heutigen Marías natürlich, der Rätsel noch immer liebt, sie heute erzählt, um ihre Lösungen verschwommen am Horizont aufscheinen zu lassen. <BR><BR>Javier Marías: "Die Reise über den Horizont". <BR>Aus dem Spanischen von Elke Wehr. <BR>Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. <BR>204 Seiten, 18 Euro. <BR></P>

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