Die Formel geht auf

München - Das Spiel mit Zahlen, mit Definitionen aus der Mathematik und aus der Physik, hat's ihm angetan. Mathias Richling spielt es gern, nicht nur, um Edmund Stoiber, der "schwarzen Null", zum Abschied noch eins mitzugeben, auch ganz prinzipiell lässt sich in der Politik mit solchen Begriffen gut operieren.

Dann, wenn es darum geht zu beweisen, dass Politiker nicht der Gravitation gehorchen oder dass Wähler und Gewählte ein sehr unterschiedliches Zeitempfinden haben. Dass, wo regiert wird, immer "rechts" ist, und wo opponiert wird, immer "links". Da liegt es nahe, dass der Kabarettist dieses einmalige Gastspiel im Münchner Circus Krone unter eine kurze Formel subsumiert. Sie lautet E = m·Richling². Und sie geht auf.

Es ist eine (Ab-)Rechnung mit lauter Bekannten, die Richling hier vornimmt und bei der er von der ersten Minute an stark beschleunigt. Kaum zu glauben, aber bei dem quirligen Schwaben gibt es keinen nichtparodierbaren Minister. Er kann sie alle, und er beschränkt sich nicht darauf, sie einfach nachzuahmen, er lässt sie vielmehr feinen, im doppelten Sinne "großen" Stuss reden.

Das fängt bei Peer Steinbrück ("Wir haben das Nichts besser verteilt") an und hört bei Ursula von der Leyen ("Kinder sind ein Armutszeugnis") noch lange nicht auf. Im Sprachduktus eines Michael Glos oder einer Ulla Schmidt klingen die üblichen Phrasen doppelt monströs, etwa wenn Schmidt definiert, dass Krankheit "nur eine Auszeit" von der Gesundheit sei.

Der Satiriker, der den harmlosen Kasperl nur vorgaukelt, traut sich dicht heran an seine "Opfer", lässt Wolfgang Schäuble ("Amerika ischt unser ärgschter Freund") über die Vorteile der Folter sinnieren, die vielleicht auch ihn selbst seinerzeit zu einer anderen Aussage in eigener (Affären-)Sache gebracht hätte. Und auch für Kurt Beck ("Da hat die SPD den Notnagel auf den Kopf getroffen") und Oskar Lafontaine hat Richling ein paar Gemeinheiten parat.

So viele Köpfe, so wenig drin -­ kein Wunder, dass auf der Baustelle Deutschland nichts vorangeht. Das ist die zweite, die optische Kontinuität in Richlings Programm. Schwarzrotgold ist die vorherrschende Farbe auf der Bühne und in seinem Anzug, sie rahmt eine Schubkarre voller Gartenzwerge, eine zum Rednerpult umfunktionierte Mülltonne, zwei beschirmte (Schaukel-)Stühle. Hier rennt der Spötter pausenlos hin und her, um der Republik den Stillstand zu attestieren. Kein Wunder, dass sich nichts bewegt, liegt doch Angela Merkel bei Sigmund Freud auf der Couch, weil sie -­ der Ödipuskomplex lässt grüßen ­- möglicherweise "den Staat geheiratet und den Wähler erstochen" hat.

Alles gaga oder wenigstens gebrechlich also, aber, so erläutert der wohl virtuoseste Analytiker der deutschen Gegenwart, auch im Koma zu liegen hat sein Gutes ­ man weiß so wenigstens nichts von den (Staats-)Schulden. Womit er listig wieder bei den Berliner Mandatsträgern angekommen ist. Ob man wohl die, die ihre Außenwelt nicht mehr wahrnehmen, einfach abschalten dürfe? Mathias Richling, der vielfach Gelehrte, nimmt alles wahr. Seine Kunst ist eine Wissenschaft für sich.

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