Der Forschung auf den Fersen

- Er hat sich als der ideale Katalysator für Münchens Deutsches Museum erwiesen, der Professor für anorganische Chemie: Wolf Peter Fehlhammer. Seit 1993 ist er der Generaldirektor des weltweit besten (einmalige Originale) und größten Technik- und Wissenschaftsmuseums (ab 2005 mit dem dann kompletten Verkehrszentrum 73 000 Quadratmeter).

<P>Jetzt feiern er, sein Team und die Münchner mit einer museumshistorischen Schau im Stammhaus, aber vor allem mit der Einweihung der ersten Halle ("Mobilität und Technik") des neuen Verkehrszentrums auf der Theresienhöhe und einem Festzug, Sonntag, 11. Mai, dorthin den 100. Geburtstag des Deutschen Museums.</P><P>Ihr Museum begeht den Hundertsten. Wie erhält man so ein Haus jung, das die sich ständig erneuernden Bereiche Technik und Wissenschaft begleiten soll?<BR><BR>Fehlhammer: Es ist gut, wenn Sie das so sehen. Für viele bedeutet "Museum" altes, verstaubtes Zeug. Es wird als nur retrospektiv betrachtet. Ich komme aus der Live-Wissenschaft und habe darüber den Einstieg gesucht, dass das Haus zeigt, was Wissenschaft aktuell leistet. Das war auch der Ansatz des Museumsgründers Oskar von Miller.<BR><BR>Haben Sie überhaupt die Chance, den jüngsten Entwicklungen nachzukommen? <BR><BR>Fehlhammer: Natürlich haben wir keine Chance, aber wir versuchen, der Forschung auf den Fersen zu bleiben. Wir haben ja auch den "Ballast" aus 100 Jahren; aber schließlich müssen "Klassiker" wie das Bergwerk oder der Faradaysche Käfig bleiben. Ein lebendiges Museum wächst, sodass Altes ausgedünnt werden muss. Oder wir kombinieren dazu "aktuelle Ecken". Neue Disziplinen brauchen neue Flächen, Kuratoren . . . Die neueste Forschung ist ein Muss. Ich unternehme alle Klimmzüge, dass wir an vorderster Front dabei sind. Zum Beispiel präsentieren wir immer die Nobelpreise.<BR><BR>Darf ein Museum auch sagen: Wir warten erst einmal ab, ob sich ein Forschungszweig als wichtig herausstellt?<BR><BR>Fehlhammer: Ich gehe als Wissenschaftler an die Frage heran. Und Wissenschaftler sind neugierig, risikofreudig und darauf erpicht, informiert zu sein. Ich will durchaus auch zeigen, was in den Labors gerade in der Mache ist. Wenn's ein Flop ist, egal! Uns geht es ums Wissen. Wir wollen die Leute vertraut machen mit der Wissenschaft, sie anhand der Objekte damit befassen. Aber die Objekte sind nicht das Ziel, sondern der schöpferische Mensch dahinter. Es gibt da keinen Unterschied zwischen Forscher und Künstler. Im Museum sind wir auch nach der Kunstseite hin offen. Ich wünsche mir auch eine Oper, die zu uns passt - Brecht/Weills "Lindberghflug" in der Flugwerft. Aber das wird erst im kommenden Jahr klappen. Da brauchen wir Sponsoren.<BR><BR>Das Deutsche Museum will ja nicht nur Besucher vom Kind bis zum Spezialisten anziehen, es muss auch den Spagat schaffen von Technik-Nostalgie zu aktuellen Entwicklungen, die vielen Menschen Angst machen.<BR><BR>Fehlhammer: Wir haben jede Art von Mithilfe. Ich kann jederzeit namhafte Professoren ins Museum holen - oder aus der Industrie. Das ist die eine Seite. Die andere: Das Problem der gesellschaftlichen Akzeptanz beschäftigt mich schon seit meiner Uni-Zeit. Wir hier haben die größten Chancen, etwas gegen die Vorbehalte zu setzen. Ganz simple Dinge werden bei uns geboten - und, sehr bewusst, ganz schwierige Sachverhalte. Unsere Beobachtung ist: Wenn wir die Ängstlichen an die Hand nehmen durch Vorträge oder sie in Besucherlabors aktiv werden lassen, ist die Schwelle überschritten, sind die Ängste abgebaut. Weil die Menschen das meiste im Fernsehen ohne Sinne wahrnehmen, haben sie keinen Zugang. Das Museum setzt der virtuellen Welt die reale gegenüber. <BR><BR>Kennen Sie als Chef der Chefs alle Geheimnisse des Museums, oder gibt es auch für Sie noch Überraschungen?<BR><BR>Fehlhammer: In jeder Ecke war ich auch noch nicht.<BR><BR>Im Gegensatz zu dem Londoner beziehungsweise Pariser Wissenschaftsmuseum, die rund tausend Angestellte haben, muss Ihr Haus mit 380 Beschäftigten auskommen - obwohl es das größte Museum ist. Ist die Zukunft des Deutschen Museums auf dieser Basis überhaupt zu sichern?<BR><BR>Fehlhammer: Das ist der Punkt, den wir vor uns herwälzen. Ich wundere mich immer, dass so viele Ausstellungen entwickelt werden, obwohl wir nur ein Drittel oder ein Fünftel des Personals haben wie unsere "Rivalen". Schlimm ist, dass wir die Leistung der Mitarbeiter nicht honorieren können - weder durch Geld noch durch Aufstiegsmöglichkeiten. Das ist ein Riesenproblem, ich hoffe, dass sich mit der Schubkraft dieses Jubiläums etwas tut. <BR><BR>Der deutsche Föderalismus schadet hier, wir sind schließlich ein nationales Institut. Ich will deswegen vergleichbare deutsche Häuser unter dem Dach von ECSITE (European Collaborative for Science, Industry and Technology Exhibitions) zusammenführen. Ich möchte die deutsche Science-Center-Szene hochpäppeln. Die Politiker reden immer vom "lebenslangen Lernen": Wo sollen das die Menschen tun, wenn nicht bei uns! Wir erfüllen eine wichtige Aufgabe. Es geht um die Überlebensfähigkeit unserer Gesellschaft, die als Ressource nur das Wissen, die Innovationskraft der Menschen hat. <BR><BR>Wird es in 100 Jahren noch ein Deutsches Museum geben?<BR><BR>Fehlhammer: Eine Scherzfrage - was ich antworten würde: Wir amüsieren uns zurzeit, denn neuerdings besuchen uns oft Business-Schulen. Die wollen dann wissen, wie man es schafft, dass ein "Unternehmen" erfolgreich 100 wird. Die denken natürlich an all die untergegangenen Start-up-Firmen . . .</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P><P> </P>

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