Forschung an der Grenze zum Zuschauer

- Nicht mit den großen Hunden bellen wollen, vielmehr einem ehrlich erfüllbaren Qualitätsanspruch treu bleiben, so steht der Münchner Joint-Adventures-Chef Walter Heun im öffentlichen Bewusstsein. Zum 16. Mal wird heuer vom 2. bis 12. August seine Tanzwerkstatt Europa (TWE) angeboten. Mit einem Budget von 270 000 Euro, darin etwa 150 000 von der Stadt München, stellt Heun wieder einmal eine TWE auf die Beine, die den Stand der zeitgenössischen Szene spiegelt.

Das zarte Pflänzchen zeitgenössischer Tanz in München ist doch über die Jahre ganz schön aufgeblüht. Sie haben einiges dazu beigetragen . . .

Walter Heun: 1985/ 86 haben wir mit den ersten "Tanztagen" im Gasteig mal alle zusammengebracht, die hier so vor sich hin werkelten. 1985 schlossen sich Absolventen der Iwanson Schule zu einer Gruppe zusammen - ich machte Werbung, Licht, Abendkasse - , aus der dann später Micha Puruckers Dance Energy hervorging. 1987 wurde das städtische Choreographen-Kollektiv Tanztendenz gegründet, dem ich bis 1992 als Geschäftsführer vorstand. 1990 habe ich das bundesweite BRDance-Festival mitgestaltet, 1991 dann die TWE gestartet, die sieben Jahre lang EU-Förderung erhielt.

Seitdem Fortschritte?

Heun: Mit dem Einzug 2000 in die zentral gelegenen, hervorragenden Trainingsräume des Staatsballetts am Platzl - Ballettchef Ivan Liska hatte uns dazu eingeladen - kam eine neue Atmosphäre in die Workshops. Ich konnte auch das Programm erweitern. Inzwischen kommen Anmeldungen aus aller Welt, gerade eben zwei aus Nepal.

Zu Beginn waren die Choreographen zwingend auch ins Workshop-Programm eingebunden.

Heun: Damit die Kursteilnehmer unmittelbar sehen konnten, wie das auf der Bühne aussah, was sie tagsüber im Studio gelernt hatten. Da musste ich allerdings umdenken. Denn ich will ja auch die aktuellsten Tendenzen präsentieren. Und die haben oft noch gar keine lehrbare Technik ausgearbeitet. Ich denke da an konzeptorientierte Choreographen wie Jé´rô^me Bel, Thomas Lehmen, Xavier LeRoy und Boris Charmatz. Aber auch für den sehr physischen Stil der kanadischen Lalalas konnten wir erst Jahre später den Kurs "How to fly" anbieten.

Dieser athletisch-dynamische bis aggressiv-brutale New Dance von Lalala in den 80er-Jahren oder des frühen Wim Vandekeybus wurde vom Publikum unmittelbar verstanden. Bei den Konzept-Choreographen muss es sich auf eine intellektuelle Auseinandersetzung einlassen . . .

Heun: Nach ihrem Kunstverständnis geht es nicht mehr um Virtuosität, nicht mehr darum, ein expressives Stück zu zeigen. LeRoy reflektiert den eigenen Produktionsprozess: Was passiert eigentlich beim Entwerfen und im Akt selbst der Performance? Einem Bel reichen minimale Zeichen, um ein Stück im Kopf des Betrachters entstehen zu lassen. Die Konzept-Choreographie ist eine Forschung an der Grenze zwischen Performance und Zuschauer.

Für die Kenner kein Problem - aber wahrscheinlich für die Auslastung.

Heun: Wir haben ja über 15 Jahre hinweg eine Schulung der Wahrnehmung geleistet. Aber ich versuche natürlich, mit einem dramaturgisch ausgewogenen Programm auch das Nicht-Insiderpublikum zu erreichen.

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