Forsythe tanzt Picasso und Bacon

- Seit 25 Jahren hat man - mit Spannung, bewundernd, manchmal auch befremdet - den Weg des großen Tanzrevoluzzers William Forsythe mitverfolgt: von der ersten Verschrägung der neoklassischen Ballettsprache bis zu einer totalen Zertrümmerung jeglicher menschlichen Bewegung. Ein Endpunkt, hinter den W. F. nicht zurück kann. Als Künstler auch gar nicht will, wie er mit seinem neuen "Decreation" schon im Titel bestätigt. Und sein Frankfurt Ballett, auch in dieser "Ent-schaffung"/"Dis-Schöpfung" noch exzellent, demonstrierte im Bockenheimer Depot, was hier gemeint war.

Nämlich - sowohl als künstlerische Konsequenz wie auch als Spiegel einer unheil gewordenen Welt - die ultimative Verzerrung und Verstümmelung nicht  nur  jeder Bewegung, sondern auch der menschlichen Physiognomie. Forsythe tanzt also Picasso, tanzt Francis Bacon. Seine Muse und Mitdenkerin, die bleiche Dana Casperson, postiert hinter einer Art Rednerpult (Projektionsfläche für einen Live-Videofilmer), schickt aus ihrem Mund, abartig schief und aufgerissen wie ein Bombenkrater, ebenso abartig zerrissene Sätze. Später produzieren auch andere Tänzer solche Sprachfragmente, nochmal in sich zerstückelt, zerhechelt, zergreint, verjault.

Ultimative Verzerrung der Bewegung

Forsythes Extrem-Stücke haben immer Texte einbezogen. Diesmal ist es der Operntext von Anne Carson, kanadische Lyrikerin. Aber man lasse sich nun nicht irre machen, wenn die Einbeziehung Carsons alles kompliziert aufbauscht: Ihr Text trägt ja just den Titel "Decreation", eine philosophisch-religiöse Wortschöpfung, direkt übernommen von Simone Weill. Und von Weill, Sappho und der 1310 als Ketzerin verbrannten Marguerite Porete handelt Carsons Oper. Von Gottesliebe, von der "Ab-schaffung" des störenden "Ich, Selbst & Ego", und ein bisschen auch von sexueller Eifersucht. Zugegeben, von solchen Liebeserörterungen fließt automatisch etwas in diese Forsythe-Arbeit ein.

Letztlich ist "De-creation" jedoch mehr eine Recherche in, an und über Form. Und die verrät eine doppelte Wahrheit: Forsythe hat sich im Tanz vorgewagt bis an die äußerste Grenze. Bis dahin, wo es nicht mehr weitergeht. Beziehungsweise, wo es von selbst ausweicht in die Performance, ins Schauspiel, in die Musik. Was via Kontakt-Duos und -Trios verbröselt im Raum an Tanz abläuft, ist banaler Improvisationsabfall. Das machen seine Tänzer allein, diese aus dem Körper gezogene Krüppelspastik, das Autisten-Gezucke. Um ehrlich zu sein, das langweilt jetzt nicht wenig. Aber wie er die Stimmen seiner Tänzer (auf dem Programmzettel diesmal ja auch als "Darsteller" ausgewiesen) instrumentiert, wie er sie einkomponiert hat in die klingklang-tröpfelnden, aufsummenden, aufschreienden Solo-Töne, die David Morrow auf seinem Sampler herausmodelliert, das ist schön. Sogar, wenn es hässlich ist.

Das ist irgendwie: Oper. Hingewehte, verwehte Worte, Sätze, wiederholt, fragend variiert, überkreuzen sich. Verschwimmen mit Klängen. Einmal wunderschön mit einem bluesig fortimprovisierten "I really love you". Das alles schwillt an zum lärmenden Sprachklang-Chaos und ebbt wieder zurück zur Stille.

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