Fräuleinplunder

- In München am Residenztheater wäre ihr das vermutlich nicht passiert. In Berlin aber, am dortigen Deutschen Theater, war die Enttäuschung groß. Wer Barbara Freys Inszenierungen kennt - ihr "Endspiel", ihre "Phädra", vor allem aber ihren "Onkel Wanja" -, der hatte sich auch jetzt durchaus etwas Besonderes erwarten dürfen. Gotthold Ephraim Lessings "Minna von Barnhelm" stand nun also auf dem Premierenprogramm der von Intendanz-Krisen und einer blamablen Kulturpolitik gebeutelten Berliner Bühne.

<P>Barbara Freys Inszenierung trägt zur Besserung der Situation nicht bei. Denn die Schweizer Regisseurin ist massiv gescheitert: an diesem Theater selbst, das in Fragen von Konzeption und Bühne keine Hilfe bieten konnte; an der Besetzung, die in den Hauptrollen auf prominente Gäste reflektiert. Und gescheitert ist sie nicht zuletzt am Stück, das, 1767 geschrieben, als erstes deutsches Lustspiel mit seinem hinreißenden sächsisch-preußischen Humor Unsterblichkeit erlangt hat.<BR><BR>Ohne Bühnenpräsenz: Martina Gedeck</P><P>"Minna von Barnhelm" erzählt bekanntermaßen die für damalige Verhältnisse ungeheure Geschichte eines selbstbewussten Fräuleins aus Sachsen, das nach Ende des Siebenjährigen Krieges mit ihrer Kammerjungfer Franziska ins preußische Berlin reist, um hier ihren Liebsten, Major Tellheim, zu suchen. Und just in jenem Gasthof zu finden, in dem sie gerade abgestiegen ist. Doch bis sie des Mannes auch habhaft werden kann, brauchen Minna und Franziska ihren ganzen Witz. Denn der schöne Major von einst ist mittlerweile ein abgedankter armer Hund, der nichts mehr besitzt außer Stolz und Ehre. Und die verbieten ihm, sich dem reichen Fräulein weiterhin als Bräutigam zu empfehlen.<BR><BR>List und Lust - das geht bei Lessing in geschlossener Bühnenform Schlag auf Schlag. Nicht so bei Frey. Sie ließ sich von Bettina Meyer auf die Drehbühne irrgartenähnlich ein paar halbhohe Wände setzen: ödes Hotel mit tristem Hinterhof. Zweifellos Berlin heute. Das dehnt die Bilder, schafft lange, bedeutsame Gänge, die nichts sagen. Und die zeitliche Ansiedlung in der Gegenwart führt das Stück ad absurdum: Von welcher Ehre spricht hier Tellheim, aus welchem Krieg kommt er wohl? Die Verlagerung ins Heute macht zudem Minnas Schritt, der im 18. Jahrhundert von grandiosem Mut zeugte, vollkommen unbedeutend.<BR><BR>Nun ja, das ist die Minna in der Berliner Inszenierung sowieso. Film- und TV-Größe Martina Gedeck leistet sich einen Abstecher auf die Bühne, in die Königsdisziplin ihres Berufs. Ergebnis: nicht zu fassen diese schauspielerische Unbedarftheit. Gedeck schafft sich sprachlich keinen Raum, kann keine Haltungen spielen, ist ohne jede Bühnenpräsenz. Unverantwortlich, diese Schauspielerin, die zweifellos ihre Meriten vor der Kamera hat, hier so in ihrer Theater-Laienhaftigkeit vorzuführen. Denn das geschieht nun einmal, wenn auch unfreiwillig, auf brutale Weise vor allem durch Nina Hoss, die als Franziska mit ihrer großen schauspielerischen Könnerschaft die Aufführung immer wieder hochreißt in die heiligen Sphären der Komödie.<BR><BR>Alle anderen Rollen sind ordentlich bis gut bedient, was für ein Haus wie das Deutsche Theater natürlich zu wenig ist. Doch dass auch Ulrich Matthes als in lässigem Leinen-Look gekleideter Tellheim eine Fehlbesetzung ist, offenbart mehr den Grundirrtum der Regisseurin als die darstellerische Schwäche des Schauspielers. Matthes gibt den melancholischen, unbeholfenen Softie. Von Lessings satirisch-bissiger Kritik an diesem Mann keine Spur. Am Ende, wenn sich die Paare Minna und Tellheim sowie Franziska und Wachtmeister Werner gefunden haben, begeben sie sich auf den Hinterhof der Drehbühne und blicken staunend in die jetzt am Bühnenfirmament funkelnden Sterne. Da kann man sich nur wundern. Als nächstes probt Barbara Frey wieder am Residenztheater: Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald". Da mögen der Regisseurin die Sterne hoffentlich wieder günstiger stehen.<BR></P><P> </P>

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