Vier Tage vor Anschlag: Attentäter flog von Düsseldorf nach Manchester

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Fragen auslösen

- "Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört. Es ist vergeblich, für sie zu leben und zu sterben. Sie sagen: er ist eine Jude." Das ist wohl der bewegendste Raum des Jüdischen Museums Franken in Fürth (Königstraße 89, Tel. 0911-77 05 77). Auf gegenüberliegenden Spiegelwänden wird unter der Rede die unversöhnliche Gegenrede reflektiert. In diesen paar Zeilen aus "Mein Weg als Deutscher und Jude" fasste Jakob Wassermann, gebürtiger Fürther und zu seiner Zeit ein Literatur-Star, alles zusammen, was es zum Verhältnis von jüdischen und christlichen Deutschen zu analysieren gab. Und das 1921, lange vor der Shoah, dem Holocaust, der Judenvernichtung. Ignatz Bubis sei bei der Eröffnung 1995 davon sehr beeindruckt gewesen und habe das Zitat schließlich auch bei seinem resignativen Fazit zur Lage der jüdischen Bürger in Deutschland benutzt.

<P></P><P>Bernhard Purin, Chef des Museums, berichtet solche Anekdoten, wenn man ihn nach den Vorwürfen fragt, er zeige in "seinem" Haus zu wenig über den Holocaust. "An dem Thema kommt keiner vorbei", betont der gebürtige Bregenzer (1963). Ab dem 3. März 2003, dem Rosenmontag ("In Köln hätte das nicht funktioniert."), wird er das Jüdische Museum München entwickeln und leiten, das im Rahmen des Jüdischen Zentrums Jakobsplatz bis 2005 errichtet wird. Dass man den Mord an den europäischen Juden nicht immer in den Vordergrund stellen muss, dass er ohnehin immer mitzudenken ist, erklärt Purin an der aktuellen Fürther Ausstellung über den Münchner Architekten Fritz Landauer (1883-1968). So hat zum Beispiel sein moderner Synagogen-Bau in Plauen nur sieben Jahre überlebt; sein Denkmal für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs mit einem Greif und einer Kugel begeiferte der "Stürmer" propagandistisch als Judentum, das sich die Welt krallen will; zu schlechter Letzt brachte dem Emigranten München noch nach dem Krieg völliges Desinteresse entgegen. Für Purin ist es wichtig, nicht nur einen verfolgten Architekten vorzustellen, "sonst bleibt nur der Verfolgte", sondern die gesamte Persönlichkeit mit all ihren Leistungen, Entwicklungen und Brüchen. "Ich will kein Bild vermitteln, das Juden immer nur als Opfer zeigt. Das ist auch eine innerjüdische Debatte, sich von dieser Opferrolle zu befreien. Ein jüdisches Museum muss das thematisieren."</P><P>Ob denn nicht die Wunden der älteren Generation zu schonen seien? "Ich verstehe die Emigranten, die Überlebenden, die eigentlich einen Gedenkort suchen. Aber dieser Wunsch basiert auf einem falschen Museumsverständnis", erklärt Bernhard Purin. Ihn stört, dass die meisten Menschen dem Museum "eine so hohe Deutungsmacht" zuweisen. Das habe sich auch in der Verschiebung der Stadtmuseums-Schau "München im Nationalsozialismus" manifestiert. "Für mich ist das Museum aber ein Labor, eine Schau-Bühne." Zwölf Jahre sei er jetzt in dem Bereich tätig: "Da hat sich viel geändert. Die Jüdischen Museen legen mehr und mehr den Schwerpunkt auf die Gegenwart. Den klassischen Kanon: Religion, Geschichte und ein bisschen noch Nachkriegszeit gibt es kaum mehr."</P><P>Für das Münchner Museum ist es Purin ganz wichtig, "keinen reinen Ausstellungs-, sondern vor allem auch einen Informationsort zu schaffen". "Ich wünsche mir ein Programm, das bei den Besuchern Fragen auslöst, sie aber mit den Fragen nicht allein lässt." Also hat man jetzt schon etwas umgeplant und den Bibliotheks- und Informationsbereich erweitert. Service soll geboten werden, ob nun jemand nach einem koscheren Restaurant fragt, oder ob ein Amerikaner über seine bayerische Herkunft forschen will. Natürlich ist daneben die Münchner jüdische Geschichte der zentrale Schwerpunkt. "Ein Bezugspunkt zur Gegenwart könnte die Kunst sein - muss aber nicht." Als Beispiel führt Purin die Münchner Kunstsammler an. Eine Ausstellung darüber würde automatisch auch zum Thema Raubkunst führen - "also ins Heute".</P><P>Was ist das Spezifische an der jüdisch-münchnerischen Geschichte? "München ist die typische Zuwanderungsgemeinde; erst aus dem Schwäbischen und Fränkischen, dann kamen die Ostjuden. In der Nachkriegszeit gab es hier die meisten Displaced Persons. Jetzt siedeln sich die Russen an. Das gibt es nirgends sonst in dieser Deutlichkeit. Auch das hat aktuelle Bezüge, wenn man an die Einwanderungsdebatte denkt." Für Bernhard Purin sind solche Konstellationen ideal, um dazu Projekte zu entwickeln. Denn sie bieten bereits in sich die Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln. "Eine klassische Dauerschau sehe ich für München nicht." Eine Präsentation soll sich während der Laufzeit verändern - schon aus praktischen Erwägungen. Schließlich sollen die Besucher zwei- bis dreimal im Jahr Impulse bekommen, ins Jüdische Museum zu gehen. "Ich will nichts festzurren, sodass wir nicht mehr darauf reagieren können, was das Publikum möchte." Diese Lockerheit wurde nun auch optisch versinnbildlicht. Die Architekten Wandel Hoefer Lorch haben das Erdgeschoss transparenter gestaltet.</P><P>Darüber freut sich Purin, der ab März sein Team zusammenstellt, sehr: "Ich habe bei fünf jüdischen Museen bei der Aufbauarbeit mitgewirkt, hatte aber noch nie einen Neubau. Jetzt bin ich richtig in den Baufortgang involviert." Solche zukunftsträchtigen Aussichten ziehen außerdem Sammlungen an. Das Jüdische Museum München erhält zum Beispiel den Nachlass Schalom Ben Chorins. Ebenfalls erleichternd für die Arbeit ist das enge Verhältnis zur Kultusgemeinde; einen Streit wie mit der Jüdischen Gemeinde von Fürth fürchtet der Direktor deswegen nicht. Auch politischen Druck, wie ihn das Stadtmuseum ("eines der innovativsten in Deutschland") erdulden musste, sieht Purin nicht: "Wir haben den Vorteil, dass wir in der Welt der Jüdischen Museen verankert sind. Wir schweben nicht im luftleeren Raum. Der Austausch gibt die Sicherheit, dass wir uns nicht in eine Sackgasse bugsieren." Einen weiteren Druck will Bernhard Purin ebenfalls nicht bemerkt haben: dass er als einziger Pluspunkt in der bisherigen Bilanz von Kulturreferentin Lydia Hartl gehandelt wird. "Ich kenne mich in der Münchner Kulturpolitik noch nicht so aus. Natürlich freue ich mich über die freundliche Aufnahme. Aber man muss die Erwartungen wieder auf den Boden herunterholen. Wir bauen mit 900 Quadratmetern schließlich kein großes Museum auf wie etwa in Berlin."</P>

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