Fragen an das Leben stellen

- "Die Bühne ist für mich ein Emotionsgerüst", sagt Florian Stetter. Ob er weiß, dass er mit seinen verstrubbelten Locken, dem fahlen Innenraum-Teint und seiner zurückgenommen, höflichen Körperlichkeit selbst wie ein Emotionsgerüst, Jahrgang '77, aussieht? Wie ein auf links gestülptes Nervenkostüm, auf dessen Innenseite man den Sinuskurven seiner Gefühlsschwingungen nachspüren kann? Es macht wenig wundern, dass er bisher immer den introvertierten Teenie gegeben hat. Etwa in Philip Grönings Roadmovie "L'amour, l'argent, l'amour". Oder in Dominik Grafs Film "Die Freunde der Freunde".

Für beide Rollen wurde er ausgezeichnet. Mit dem Max-Ophüls-Preis 2001 als bester Nachwuchsdarsteller und mit dem Grimme-Preis 2003 als bester Hauptdarsteller. Nach so viel preisgekrönter Unbescholtenheit ist er froh, jetzt als Franz Moor in Christian Stückls "Räuber"-Inszenierung ein mieses, fieses Schelmenstück ablegen zu dürfen. Premiere ist am Mittwoch im Volkstheater.

"Rückblickend muss ich sagen: Ich habe viel Glück gehabt." Man könnte auch sagen: Viel Glück nimmt manchmal krumme Wege. Die Schule hat er abgebrochen. Schlechte Noten, keine Lust, elterliche Sorgenfalten, zwei fleißige Schwestern. Konstellationen, die vorkommen. "Meine eigentliche Persönlichkeitsschule war der Zivildienst. Einen Behinderten pflegen, Verantwortung übernehmen _ das hat mich geprägt." Danach begann er in Bochum an der Schauspielschule. Kurz nach Studienbeginn kam das Angebot von Philip Gröning für die Hauptrolle in "L'amour". Drei Monate mit einem Team "on the road". Danach führte kein Weg mehr zurück nach Bochum. Florian Stetter kaufte sich ein altes Auto, fuhr nach Irland und begab sich mit Blick aufs Meer auf Visions-Suche. Die buchstäbliche Erleuchtung ließ nicht lange auf sich warten: "Ich wollte Beleuchter beim Film werden." Die Realität sah dann anders aus. Als Praktikant bei Arri arbeitete er drei Monate im lichtlosen Lager.

Ein Außentermin brachte die Wende. Eigentlich sollte er dem Beleuchter assistieren. Doch als er die Schauspieler am Film-Set beobachtete, sprang der Funke wieder über. Seitdem lautet die Regie-Anweisung für sein Leben: "Ich will spielen". Auf der Falckenberg-Schule hat er gelernt seine Mittel und Möglichkeiten zu schärfen. Seit Beginn dieser Spielzeit gehört er zum Ensemble des Volkstheaters.

Was war, was kommt, was fehlt? "Mein Anfangsdurst ist gestillt. Wir haben unsere Potenziale kennen gelernt. Eine kleine Pause würde mir gut tun. Und was mir fehlt, ist die Reibung mit älteren Kollegen." Zurück zum Emotionsgerüst. Was soll sein? "Na ja, man könnte auch sagen: die Bühne ist eine Lebensversuchsanordnung. Von einem Autor erwarte ich, dass er sich mit dem Leben konfrontiert hat und seine Erfahrungen beim Schreiben niederlegt. Als Schauspieler versuche ich, über den Umweg einer Geschichte, Fragen an das Leben zu stellen. In der Hoffnung, dass sich die Zuschauer für meine Fragen interessieren, sie aufgreifen und nach Antworten suchen."

In dem Räuber-Stück ist übrigens ein Doppel-Herz-Stück verborgen. Denn Frederike Schinzler, die die Amalie spielt, steht Franz-Florian Stetter im Leben näher als in Schillers Stück.

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