Fragen der Moral

- Es geht auch anders: Ein Museum stellt fest, dass es ein Werk aus ehemals jüdischem Besitz im Bestand hat. Nach der Washingtoner Konferenz von 1998 über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust und den "Principles on Nazi-Confiscated Art", zu denen sich die Bundesrepublik Deutschland bekannt hat, gibt die Galerie das Gemälde an die Nachkommen des Nazi-Opfers zurück.

Man tauscht sich ernsthaft aus, beide Seiten sind sich ihrer Verantwortung dem Künstler und der Gesellschaft gegenüber bewusst und folgen dem Abkommen, das "gerechte und faire" Lösungen einfordert. Man einigt sich. Das Museum kauft das Bild zu einem angemessenen Preis. Die Erben werden nicht übervorteilt, und die Kunstfreunde erleben weiterhin das Werk in einem öffentlich zugänglichen und höchst renommierten Raum.

So geschehen 2003 in München. Das Lenbachhaus restituierte Max Slevogts "Trabrennen in Ruhleben", das dem großen Sammler Bruno Cassirer gehört hatte, und kaufte es sogleich. Da hatten sich weder Rechtsanwälte populistisch in geldträchtige Aktivitäten gestürzt, noch peitschten Auktionshäuser das Interesse nach oben. Wie es jetzt mit den Klimts, Kirchners und Picassos geschieht. Frühe österreichische Moderne oder deutscher Expressionismus waren lange Zeit nicht rekordverdächtig. Wer hätte in den 80er-Jahren gedacht, dass sogar zwei Gustav-Klimt-Porträts von Adele Bloch-Bauer plötzlich in die Versteigerungs-Spitzenklasse vorstoßen würden? Europäische Museen können in diesen Regionen nie und nimmer mithalten. Und so beschleicht einen Trauer, dass wichtige Kunstwerke oft nicht nur auf andere Kontinente entschwinden, sondern der Öffentlichkeit ganz vorenthalten werden. Sie fristen dann ihr Zombie-Dasein als "Flachaktie" oder Prestige-Dekoration bei Angebern.

Wenn es um die aktuelle Rückgabe von Kulturgütern geht, die den Eigentümern von den Nazis "entzogen" wurden, stellen sich viele moralische Fragen. Nach dem Krieg, 1949, war es leichter. Der US-Kunstschutz konnte relativ mühelos rund 250 000 Objekte den Eigentümern zurückerstatten. Manches aber wurde willentlich oder unwissend verschlurt. Da hat sich zum Beispiel der österreichische Staat viel zu lange viel zu wenig um die gerechten Ansprüche gekümmert. Nun muss er bluten, um den eigenen "aufgefrischten" ethischen Ansprüchen zu genügen; neben den Klimts geht auch Edvard Munchs "Sommernacht am Strand" an eine Gustav-Mahler-Verwandte.

Heuchelei der Politik

Anders liegt der Fall der "Berliner Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner, die vom Land Berlin zurückgegeben wurde und am Mittwoch bei Christie‘s in New York bei 38 Millionen Dollar den Zuschlag erhielt (wir berichteten). Deutschland musste einen extremen Verlust hinnehmen. Dieses Gemälde hat eine bedeutende Stellung im Œuvre. Obendrein wird die Situation von den Experten unterschiedlich bewertet. Raubkunst? Oder ist es einst zu einem anständigen Preis verkauft worden? Hatte Berlin überhaupt das Recht, die Preziose wegzugeben? Gutgemeintes moralisches Handeln ist im Fall Kirchner wohl zu einem negativen Tun mutiert. Die Regierenden haben der Bevölkerung geschadet, indem sie Geschichte vergessen und die "entartete Kunst" erneut preisgegeben haben. Offenbar ist es derzeit Mode, sich nicht nur des Banausentums zu rühmen, sondern auch die nationale Identität zu missachten. Wie zum Beispiel Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger, der einerseits eine wertvolle Büchersammlung verramschen und andererseits Bilder vom eigenen Hochadel kaufen will, die dem Land bereits gehören. Hier paaren sich Unmoral und Heuchelei, denn es werden zwar WM-National-Sentimentalitäten, aber keine echten Werte gepflegt.

Derweilen sind die Trüffelschweine des Kunstmarkts unterwegs. Bis zu 150 Werke sollen den Museen und der Allgemeinheit entzogen werden. Dass das nicht mit rechten Dingen zugeht, ist auch Julius H. Schoeps klar. Der Chef des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums, der gerade die Versteigerung des Picasso-Porträts von Angel Férnandez de Soto verhindert hat, möchte deswegen im kommenden Herbst eine Konferenz zum Thema "Raubkunst und Restitution" veranstalten. Die vielen moralischen Probleme sollen in effiziente Regelungen eingehen. Aber das wird nichts daran ändern, dass jeder einzelne Fall anders ist und manches nicht mehr aufgeklärt werden kann.

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