Ein Fragezeichen muss bleiben

- An diesem Montag ist die vorläufig letzte Vorstellung einer künstlerisch überaus erfolgreichen Aufführungsstaffel der Belcanto-Oper "Roberto Devereux" von Gaetano Donizetti. Ausverkauft seit der Premiere am 19. Januar. Und das hat mindestens drei Gründe. Der erste ist Edita Gruberova in der Rolle der Königin Elisabeth.

<P>Der zweite die genaue und kluge Regie Christof Loys. Die aber wäre, drittens, kaum so interessant, wenn nicht die musikalische Leitung des Ganzen von so souveräner Kompetenz, psychologischer Feinausleuchtung und exzellenter Theatralik getragen wäre. Das ist zu danken dem österreichischen Dirigenten und Gruberova-Lebenspartner Friedrich Haider (42).</P><P>Warum wohl wird "Roberto Devereux" so selten aufgeführt?<BR>Haider: Weil dieses eingängig Melodische, dieses Nachpfeifen-Können hier zur Gänze fehlt. Es ist alles konzentriert aufs Psychologische und die emotionale Empfindlichkeit auf die Spitze getrieben. Seelische Abgründe, die gar nicht verbalisierbar sind. Eine Fundgrube für jemanden, der gern mit Psychologie umgeht.</P><P>Darin ist diese alte Oper ziemlich modern.<BR>Haider: Ja, das kann man sagen. Donizetti reißt alles auf. Da gibt es keine Schablone. Er zeigt den menschlichen Zerfall der Elisabetta. Sie schleppt sich mühsam zum eigenen Grab. Der Komponist zelebriert das Ende.</P><P>Und was sagen die Musiker dazu?<BR>Haider: Die Orchester hassen eigentlich Belcanto. Das ist ihnen zu einfach. Die Einstudierung muss hier nur über den Inhalt erfolgen. Das habe ich versucht, und das ist gut angekommen. Denn die Noten können sie von selber. Aber die inhaltliche Vermittlung, die brauchen sie, da haben sie Freude daran. Das gilt für den Dirigentenberuf generell: Sänger, Chor, Orchester brauchen die "Image".</P><P>"Ich gehöre zu jenen Typen, denen es mehr darauf ankommt, etwas aus der Musik zu machen als aus sich selbst", haben Sie kürzlich im Zusammenhang mit Ihrem ersten Dirigat an der Wiener Staatsoper gesagt. Sind Sie wirklich so uneitel? Ihr Beruf ist doch eigentlich ein eitler.<BR>Haider: Ja leider. Und das widerstrebt mir fürchterlich. Natürlich steckt in uns allen ein bisschen der Pfau, das ist klar. Aber man muss es ummünzen in etwas Brauchbares. Im Vordergrund muss einzig das Kunstwerk stehen. In dem Moment, da man ganz aufgehört hat im Kopf, sich darum zu kümmern, was denkt das Orchester von dir, wie wirkst du auf die Musiker, hoffentlich kannst du sie überzeugen - wenn man diese Schranke abgelegt hat, dann kann es richtig gut werden. Heute denke ich nicht mehr daran, wie ich mit dem Orchester, sondern allein wie ich mit dem Werk fertig werde.</P><P>Welche Rolle spielen Aufregung und Angst?<BR>Haider: Man muss sie umwandeln in eine andere Qualität. Ich wäre erschüttert, wenn ich am Morgen einer Aufführung aufwachte und mich sicher fühlte. Ein Fragezeichen muss immer bleiben.</P><P>Sie waren Wiener Sängerknabe. Welchen Berufswunsch hatten Sie damals?<BR>Haider: Immer nur Dirigent. Als Elfjähriger habe ich im ersten Akt "Tosca" auf der Bühne der Wiener Staatsoper gestanden, da kam dieser unglaubliche Klang von unten herauf. Das hat mich so fasziniert. Und jedes Mal habe ich mich seitdem gefreut, wenn wir in der Oper "Dienst" hatten. Mein erstes Instrument, das ich spielte, war Geige. Mit 16 wurde ich dann in die Dirigentenklasse des Bruckner-Konservatoriums aufgenommen. Da musste ich Klavier lernen.</P><P>Heute sind Sie nicht nur ein gefragter Dirigent, sondern auch ein begehrter Liedbegleiter. Im März wird es im Münchner Herkulessaal einen Liederabend mit Edita Gruberova und Ihnen geben. Sind Sie gerne Pianist?<BR>Haider: Ja, denn es geht darum, selber den Klang zu erzeugen. Darüber hinaus liegt mir auch sehr viel an der Liedliteratur. Sie ist wichtig sozusagen für die musikalische Hygiene. Genauso wie Kammermusik wichtig ist fürs Zusammenhören. Doch diese Fähigkeiten drohen allmählich zu verschwinden. Der Jugend wird diesbezüglich immer weniger geboten. Das ganze Bildungssystem krankt. Die Politiker sollten endlich kapieren, dass auf die charakterliche Qualität einer Gesellschaft die humanistische, kulturelle Bildung großen Einfluss hat. Warum zwackt man in Bayern nicht beim Fußballstadion etwas ab? Was zeigt man denn den Gästen aus anderen Ländern? Die Kultur. Darin ist München führend in der Welt. Was erlauben sich diese Politiker!</P><P>Sie arbeiten oft mit Edita Gruberova, Ihrer Frau, zusammen. Ist die private Nähe nicht hinderlich bei der Arbeit zwischen Dirigent und Sängerin?<BR>Haider: Nein, denn wir sind ja zuerst beruflich zusammengekommen. Vor 20 Jahren hatte sie einen Liedbegleiter gesucht. Wir haben uns künstlerisch von Anfang an gut verstanden. Aber das persönliche Verhältnis war zunächst doch leicht unterkühlt. Edita ist eine scheue Person. Und ich war so unbekümmert damals. Als wir dann privat zusammenkamen, war das Musizieren miteinander nie ein Problem. Das Leben ist allerdings nicht so einfach, wir sind durch den Beruf viel getrennt. Doch freue ich mich jetzt auf unsere gemeinsame "Ariadne" in Barcelona.</P><P>In zwei Jahren wird Edita Gruberova an der Bayerischen Staatsoper die Norma singen. Regie: Jürgen Rose. Werden Sie der Dirigent sein?<BR>Haider: Nein, Marcello Viotti.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz</P>

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