Fragt nicht, warum

- "Alles weiß ich." Doch das heißt für Brünnhilde unermüdliche Arbeit. Erlebtes und Erträumtes wird in die Reiseschreibmaschine gehackt; im Leitz-Ordner, offenbar ein aus vergangenen Tagen herübergerettetes Relikt, sind weitere wichtige Informationen abgeheftet.

<P>Bei Regisseur David Alden wirft sich Wagners hehrstes Weib nicht wallegewandet in Pathos-Posen, sondern betätigt sich, mit Pagenkopf und kettenrauchend, als coole Archivarin und Analystin von Welt- und privater Geschichte: Brünnhilde auf dem Selbsterfahrungstrip, der in Frustration und mit aufgeschnittenen Pulsadern endet.<BR><BR>Das überrascht natürlich. Doch weiterdenken, hinterfragen? Davor sollte man sich hüten. Wie so oft in dieser "Götterdämmerung", die den "Ring des Nibelungen" an der Bayerischen Staatsoper - vorerst - beschloss. Als ein Ideen-Patchwork mit durchaus netten Details: etwa die Wandlung des Helden vom pubertierenden Rapper im "Siegfried" zum nun feisten Normalo mit Hut und Brille, der das karierte Sakko bei Gibichungs bereitwillig gegen das Glitzer-Jackett tauscht. Oder die Rheintöchter, die als kesse Animierdamen in einer Art Haifischbar jobben.<BR><BR>Der Schlüssel zu Händel passt bei Wagner nicht</P><P>Vor nur neun Monaten hatte sich David Alden bereit erklärt, das "Ring"-Projekt des verstorbenen Herbert Wernicke zu vollenden und rettete die Staatsoper damit aus großer Misere. Für die drei Schnellschüsse - "Siegfried" im letzten November, jetzt "Götterdämmerung", im Mai noch eine "Walküre" - schien der Amerikaner prädestiniert. Seine enorme Kreativität, sein Instinkt für theatralische Wirkungen bescherten bislang auch exzellente Barock-Produktionen.<BR><BR>Aber der Schlüssel zu Händel passt bei Wagner nicht, Aldens Stil wird hier zum Problem: Er konzentriert sich aufs Visuelle, fragt nach dem "Wie" einer Szene, selten nach dem "Warum", erzielt damit über weite Strecken eine Bebilderung, die mangelhafte Reflexion kaschiert. Dabei konfrontiert er uns mit einer Palette von Anspielungen (der riesige Comic, die "Freischütz"-Kostüme in Hagens Jagdgesellschaft, Füsslis "Nachtmahr"-Gemälde, das auf Hagens Eltern Alberich und Grimhild anspielt), erzeugt damit zwar Atmosphäre und vereinzelte starke Situationen, kann dies aber nicht zum Ganzen runden - Logik wird dem Einfall geopfert.<BR><BR>Eine Liste von widersinnigen Details ließe sich erstellen, die weder vorbereitet noch fortgeführt werden: dass Alberich einer Ratte entschlüpft; dass Siegfried maskiert und im Schampus-Rausch (eine viel zu kleine Chiffre für derart existenzielle Vorgänge) Brünnhilde zu vergewaltigen droht, dabei plötzlich den Verrat erkennt; dass sie später Hagens Zärtlichkeiten gar kurzzeitig erliegt. Auch auf die unfreiwillige Komik eines Paars, das sich in den Kissen wälzt, hätte man gern verzichtet. Und die wichtigsten Utensilien der Tetralogie - Nothung, Tarnhelm, Ring - schrumpften bei Alden ohnehin zur Requisiten-Beilage. Erst Zubin Mehta, welch hintersinnige Tat, nahm den "vergessenen" Reif vom Souffleurkasten und überreichte ihn im Schlussbeifall einer Rheintochter.<BR><BR>Schauplatz dieser Ereignisse ist ein hohes Zimmer (Gideon Davey), in dem sich pro Akt die Decke ein Stück mehr herabsenkt, der auch mit scheußlicher Blumentapete Wohnzimmer-Charme erzeugt, am Ende verschwindet und den Blick freigibt auf Wernickes Bayreuther Zuschauerraum mit der nun müde funzelnden Walhalla. Was übrig bleibt, wenn Menschen und Götter untergehen, sind gewaltige weiße Ratten.<BR><BR>Erwartungsgemäß prasselten heftige Buhs aufs Regieteam nieder, während die musikalische Fraktion ausnahmslos gefeiert wurde. Zubin Mehta hatte das hochkonzentriert musizierende Staatsorchester auf einen geschmeidig-sämigen, elastischen und farbenreichen Klang getrimmt. Dennoch: Die güldene Edel-Emotion, die nivellierte Expressivität wurden dieser Partitur, in der sich beträchtliche Fallhöhen auftun, nicht gerecht. Herausragend Matti Salminen, der als Hagen meist zum Sitzen verdammt war, dennoch große Präsenz entfaltete und die Rolle viel subtiler, ausgewogener und belcantohafter als früher sang. </P><P>Gabriele Schnaut (Brünnhilde, Foto rechts), die sich mit Aldens Konzept stark identifizierte, verzichtete weitgehend auf vokale Muskelspiele, erspürte dafür Lyrismen und riskierte einen überraschend dezenten Schlussmonolog - dies alles leider diktionsfrei, Text blieb bei ihr fast immer auf der Strecke. Anders Juha Uusitalo (Gunther), der ein außerordentliches Münchner Debüt absolvierte. Sein samtiger Bariton entwickelte liedhafte Qualität, konnte sich dramatisch weiten und empfahl sich dringend für hiesige Holländer- und Wotan-Einsätze.<BR><BR>Dass Stig Andersen (Siegfried) nicht mit typischem Stahl-Tenor protzte, störte kaum, wurde verdrängt von der Unbedingtheit und darstellerischen Intelligenz, mit der er sich in die Rolle hin-einfühlte, sie auch dispo-nierte: Sogar in der finalen, so heikel notierten Erzählung blieb er erstaunlich frisch. Nancy Gustafson (Gutrune) musste sich auf einige musikalisch ansprechende Momente beschränken, ließ sie doch Alden meist allein. Und bestmöglich besetzt die Rheintöchter mit Ann-Katrin Naidu, Hannah Esther Minutillo und der urkomischen Margarita De Arellano.<BR><BR>Walhall abgefackelt, das Licht ausgeknipst, doch halt: Was der Regisseur mit Sieglinde und Siegmund anzufangen gedenkt, wie Wotan vom "herrischen Gott" zum Landstreicher mutiert, wie's überhaupt zu Brünnhildes, im "Siegfried" angedeuteten Autounfall kam, soll Aldens neue "Walküre" zeigen. Vollendet ist Münchens "Ring" also noch nicht. Nach dieser "Götterdämmerung" droht freilich Fatales: dass er letztlich unfertig bleibt . . .</P> 

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