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Franco Fagioli , Ausnahmesolist aus Argentinien, wendet sich barocken Hits zu.

CD-KRITIK

Franco Fagioli: Lo stupendo

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Franco Fagioli, derzeit führender Countertenor, untermauert seine Stellung mit einem großartigen Händel-Album.

Warum erst jetzt? Gar nicht so unangebracht, diese Frage. Gluck, Porpora, zwei gemischte Themenalben, zuletzt Rossini, das ist gewissermaßen ein Umschleichen der Hits. Da mögen all die Archiv-Maulwürfe noch so hübsche Barock-Preziosen ausbuddeln: Händel bleibt das Alpha und Omega, nicht zuletzt für Countertenöre. An diesem Komponisten, der extremen vokalen Zierrat erstmals in der Musikgeschichte mit extrem tiefenscharfen Charakteren verband, scheiden sich die Männer mit den höchsten Stimmen. Die bloßen Feuerwerker kommen ins Kröpfchen, Künstler wie Franco Fagioli ins Töpfchen.

Endlich hat sich also der zurzeit führende Counter den Standards zugewandt. Dass er damit gewartet hat, ist bei dieser Literatur nur von Vorteil. Fagiolis Stimme, überhaupt seine Interpretationshaltung hat sich verändert. Der Argentinier, Jahrgang 1981, vertraut nun mehr auf sein eigenes vokales Potenzial. Das ist nicht mehr Bartoli 2.0 wie anfangs, also ein Stück weit Nachahmung (was an sich ja schon Adelung genug wäre): Die Stimme klingt dunkler, weniger offensiv, charakteristischer, erinnert eher an den jungen David Daniels. Das ist inzwischen weniger Vorführung einer – gewiss grandiosen – Technik, sondern überlegte und überlegene Gestaltung.

Flauschig-samtige Verzierungskunst

Gerade in „Crude furie“ aus „Serse“ oder „Venti turbini“ aus „Rinaldo“ hätte Fagioli früher viel mehr auf Angriff geschaltet. Die Leichtigkeit in den Koloraturen, das verblüffende Spiel mit vetracktesten Passagen hat er sich erhalten. Auch eine Tonbildung, die völlig ohne Härten und Nähmaschinen-Effekte auskommt. Fagioli bleibt der Counter mit der geschmeidigsten, selbstverständlichsten, flauschig-samtigen Verzierungskunst. Aber gerade weil dies in den Virtuosenstücken „nur“ Mittel zum Zweck ist, dringt Fagioli in den Kern seiner Figuren vor.

Es spricht für sich, dass diese CD nicht allein auf Zirzensisches setzt. Zu hören ist ein elegisch langsames, bis zur Neige ausgekostetes „Ombra mai fu“ aus „Serse“, in dem sich Fagioli jeden Takt auf der Zunge zergehen lässt. Oder ein „Cara sposa“ aus „Rinaldo“, in dem dieser Counter nicht nur in schwarze Löcher blickt, sondern mit dem Orchester Il Pomo d’Oro in eine vielsagende Korrespondenz tritt. Überhaupt sind die klangbewussten Musiker Wesensverwandte des Solisten – ein weiterer Glücksfall der CD. Bezeichnend, dass dieses Programm nicht mit einem Rausschmeißer endet, sondern mit „Ch’io parta?“ aus „Partenope“: noch so ein tief gründelndes Lamento, das bei Fagioli vier intime Wunderminuten beschert.

Mit dem Titel La stupenda wurde einst Belcanto-Königin Joan Sutherland bedacht: Demnächst dürfte dieser Lo stupendo an den großen Häusern noch in ganz anderen Partien zu erleben sein – und nicht nur wie vor einigen Jahren mit einer Nebenrolle in Händels „Semele“, für die ihn das Gärtnerplatztheater holte. Überhaupt ist Fagioli gerade der Einzige seiner Zunft, der über den Barock-Tellerrand hinausblickt. Mozart hat er zum Beispiel in London (Idamante) und in Nancy (Sesto) gesungen. Nicht überraschend, wenn man dem Argentinier irgendwann sogar bei Donizetti & Co. begegnen würde. Jetzt müssten Intendanten und Agenten nur noch Besetzungsmut aufbringen. Das Rüstzeug für diese Rollen hat Franco Fagioli längst.

Franco Fagioli:
„Handel Arias“. Il Pomo d’Oro, Zefira Valova (Deutsche Grammophon).

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