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Das „Faust“-Ensemble  (v.li.): Lilith Stangenberg, Marc Hosemann, Martin Wuttke (Faust), Valery Tscheplanowa und Hanna Hilsdorf.  

Premiere an der Berliner Volksbühne

Castorfs „Faust“ zum Finale

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Berlin - Frank Castorf verabschiedet sich als Intendant der Berliner Volksbühne mit seiner Inszenierung von Goethes „Faust I + II“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Brüder, zur Hölle, zur Freiheit! Berlins Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht ganz im Zeichen des Teufels, seines Doktors und des Herrn. Frank Castorf verabschiedet sich nach einer Vierteljahrhundert-Intendanz zum Ende der Spielzeit von diesem Haus und greift hier noch einmal mit seiner Regisseurspranke nach den Sternen. Fürs Finale hat er sich Goethes „Faust I + II“ ausgewählt. Am vergangenen Freitag war Premiere. Nach einer Spieldauer von über sieben Stunden jubelte sich im ausverkauften Haus das Publikum ins schiere Delirium. Eine Überforderung in jeder Hinsicht, für die Akteure wie für die Zuschauer; aber eine, die einen beinahe durchgehend wach, bei Laune und in Atem hielt.

Die bemerkenswerte Aktualität des zweiten Teils interessiert den Regisseur 

Typisch Castorf, kann man sagen. Alles schon x-mal da gewesen. Aber: Da der Gegenstand ein großer und der Text, soweit vom Regisseur in Anspruch genommen, genial ist, trägt diese Inszenierung doch das Zeichen des Besonderen. So leicht entlässt der alte Weimarer Geheimrat nicht einmal den frechsten Haudegen der Regie aus seinen Klauen. Irgendwie hält Goethe den Castorf doch ganz schön gefangen. Und es sind jene Momente die besten der Aufführung, in denen sich die Volksbühnen-Eliteschauspieler dem originalen Text aussetzen. Die ersten Dreidreiviertel-Stunden atmen daher auch den Genius des Dichters und das Genialische des berühmt-berüchtigten Castorf-Theaters.

Ort der Handlung: Paris

Nicht die Gretchen-Tragödie, nicht die Schaffens- und Seins-Krise des Doktors sind ihm wichtig; es ist die bemerkenswerte Aktualität des zweiten Teils, die den Regisseur vor allem interessiert. So sind denn auch Mephistos Worte „Was willst du dich denn hier genieren?/ Musst du nicht längst kolonisieren?“ dem Programmbuch als Motto der Inszenierung vorangestellt. Der Kolonialismus der Europäer, die Ausbeutung Afrikas, die Kriege der Eroberer, die Herrenrasse des alten Kontinents, die sich der Frauen schamlos bedient – von alldem erzählt bei Castorf Goethes „Faust“. Und da die Kolonialgeschichte Frankreichs gerade so gut ins Bild des frankophilen Regisseurs passt, spielt bei ihm das Ganze in Paris: in und vor einem Tingeltangel, benannt „L’Enfer“ (Die Hölle), zwischen Plakaten der Ausstellung „Exposition Colonial“ von 1931. Und auch die berühmte Metrostation „Stalingrad“ findet auf der Bühne ihren Platz. Das alles ist angesiedelt in den Fünfzigerjahren zur Zeit des brutalsten aller Kolonialkriege, den Frankreich in Algerien führt. Und so erinnern die Bilder, die Castorf und sein Team erfinden, an Genet und Camus, an Fremdenlegion und Söldnercasinos, aber auch an die große Zeit von Existenzialismus und Chanson.

Valery Tscheplanowa vom Residenztheater spielt Gretchen und andere

Wunderbar der Anfang: Valery Tscheplanowa, die in München ihren Vertrag mit dem Residenztheater gekündigt hat, um bei Castorfs Abschied als Gretchen, Helena und so weiter mit dabei zu sein, singt mit verrucht-traurig-schöner Stimme Jacques Brels „Ne me quitte pas“ auf Deutsch. Das kann ja heiter werden. Und richtig, Castorf wirbelt Tragödie und Komödie, Varieté und Grand Guignol, kurz: Kunst, Können und Klamotte wild durcheinander. Dazu noch immer viel Musik und ein Schuss Selbstironie. Der Mann hat ja Humor.

Alexander Scheer steppt, singt und spielt mit Leichtigkeit

Er vermischt die Teile I + II, lässt Faust seinen Text durch eine plumpe Altmännermaske sabbern oder in der Metro die schwarzen Passagiere grob beleidigen, um nach der Gaudi des sehr spät angesetzten Osterspaziergangs so ernst und klar, wie es nur ein guter Schauspieler kann, in Dialog zu treten über seine und des eigenen Vaters zweifelhafte Vergangenheit als Arzt. Dieser Part ist bei Martin Wuttke natürlich hervorragend aufgehoben. Der kleine Mann zeigt Größe in allen miesen Machenschaften, selbst noch, wenn er am Ende kindisch auf einem quietschenden Dreirad um den Mephisto des auf einem rollenden Fass balancierenden Marc Hosemann kurvt.

Von bemerkenswerter darstellerischer Leichtigkeit und Kraft steppt, singt und spielt sich Alexander Scheer durch seine Rollenfragmente des Lord Byron und Anaxagoras oder auch nur durch die Parodie auf den in Berlin ungeliebten Castorf-Nachfolger Chris Dercon. Scheer bleibt dabei aber immer ein vielversprechender, schillernder, moderner Akteur. Der Publikumsliebling bei dieser Premiere ist eindeutig Sophie Rois. In generösem Boulevard-Gestus gibt sie die Hexe im lila Salonkomödien-Kostüm des Fin de Siècle.

Dieser „Faust“ ist ein Abgesang auf das alte Europa

Adriana Braga hat die schönste und irrwitzigste Garderobe vom Anzug bis zum busenfreien Straußenfedern-Revuefummel schneidern lassen. Und Aleksandar Denic stellte Castorf  ein  burgähnliches Gemäuer auf die Drehbühne, in dessen Innenräumen sich das meiste abspielt und nach außen auf eine Video-Wand übertragen wird. Ob man diese Methode schätzt oder nicht: Hier geschieht das technisch so perfekt und künstlerisch derart wirksam, dass einem dagegen das direkte Spiel an der  Rampe   mitunter  armselig klein vorkommt; es sei denn, die Rois hat ihren Diven-Auftritt.

Dieser Volksbühnen-„Faust“ ist ein Abgesang auf das alte Europa, das schöne Frankreich, auf den deutschen Idealismus und den Traum von einer besseren Welt, den die Castorf-Generation vom Prenzlauer Berg vielleicht einst hegte kurz vor dem Mauerfall. „Ich bin ein Fremdling überall… Da, wo du nicht bist, dort ist das Glück“, lässt er mit Schubert seinen Protagonisten singen. Und bekennen: „Nie war ich euer Narr, nie war ich eure Beute, ich habe nur mich selbst zerstört und werd‘ mich weiter selbst zerstören.“

„Und wer hat die Scheißwette nun eigentlich gewonnen?“

Dann setzt das lustvolle Bühnentreiben einfach aus. Stattdessen Agitation und Beziehungskisten. Und plötzlich ist alles RTL. „Goethe, hilf“, fleht man leise kurz vorm Einschlafen; gottlob, er hat’s erhört. Die Truppe findet auf ihre Weise zu Originaltext und Spielwitz zurück. „Und wer hat die Scheißwette nun eigentlich gewonnen?“, fragt am Ende Mephisto. Philosophisch gesehen, gibt die Aufführung keine Antwort zum Ausgang des Paktes zwischen Teufel und Faust. Praktisch aber ist der Sieger Frank Castorf mit seinen Schauspielern. Und Goethe trifft die Stimmung des Hauses: „Alles Vergängliche/ Ist nur ein Gleichnis;/ Das Unzulängliche,/ Hier wird’s Ereignis.“

Nicht nur die Intendanz von Frank Castorf endet, auch Claus Peymann verabschiedet sich als Chef des Berliner Ensembles. Lesen Sie hier unsere Kritik zu seiner letzten Inszenierung als Intendant des Hauses.

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