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„,Held‘ ist das Kollektiv, sind die Sträflinge“, sagt Frank Castorf über „Aus einem Totenhaus“. Die Oper basiert auf Fjodor Dostojewskis teilweise autobiografischen Aufzeichnungen aus dem sibirischen Straflager.

Interview zur Premiere von „Aus einem Totenhaus“ an der Bayerischen Staatsoper

Frank Castorf: „Die Musik klingt wie Ketten“

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Unter seiner Intendanz wurde die Berliner Volksbühne zur Legende. Jetzt inszenierte Frank Castorf an der Bayerischen Staatsoper Janáčeks „Aus einem Totenhaus“. Vor der Premiere sprachen wir mit dem Regisseur.  

Interviews mit Frank Castorf sind Abenteuer. Wie in seinen Inszenierungen schichtet der 66-Jährige im Gespräch Assoziationsgebirge auf, intellektuelle Spielplätze. Für die Staatsoper hat er jetzt Leoš Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ nach Dostojewskis Aufzeichnungen inszeniert; Premiere ist am Pfingstmontag. Nach Pfingsten geht Castorf ein Haus weiter und probt am Residenztheater Molières „Don Juan“ (Premiere: 29. Juni). In Martin Kušejs letzter Spielzeit als Intendant in München wird Castorf nicht am Resi arbeiten: „Ich habe leider keine Zeit.“ Längst legendär ist seine Intendanz von 1992 bis 2017 an der Berliner Volksbühne. In den Neunzigern hat der Theatermacher hier auch mit Matthias Lilienthal gearbeitet, der Chefdramaturg an der Volksbühne war und heute Intendant der Münchner Kammerspiele ist. Den Streit um Lilienthals Ausrichtung des Hauses würde er „ein bisschen“ verfolgen, sagt Castorf – „weil ich natürlich mit Lilienthal eine bestimmte Zeit eine ganz gute Vergangenheit hatte“. Und dann springt er hinein ins Gedankenmeer zu Dostojewski (1821-1881), Janáček (1854-1928) und dem „Totenhaus“ – ein Meer, das hier nur verkürzt dargestellt werden kann. Leider.

„Wenn sich Leute nicht mehr ärgern, merkt man, dass man überflüssig ist“, ist Castorf überzeugt.

Liegt Ihnen Janáčeks Oper, die keiner üblichen Dramaturgie folgt, sondern collagenhaft erzählt, besonders nahe?

Frank Castorf: Bei Janáček gehe ich zunächst von dem aus, der mir am meisten imponiert, und das ist Dostojewski. Man muss sich das vorstellen: Als junger Mann ist er im Umfeld des linksliberalen Denkens von Belinski (Wissarion Belinski, 1811-1848, Kritiker und Philosoph; Anm. d. Red.). Zar Nikolaus versucht mit Feuer und Schwert, sich gegen die anbrausenden Revolutionen zu wehren. Dostojewski wird verhaftet, zum Tod durch Erschießen verurteilt und mit sadistischer Wollust zur Scheinhinrichtung geführt. Die jungen Männer schließen mit ihrem Leben ab – dann kommt jemand angeritten und verkündet die Begnadigung in die „Katorga“, zur Zwangsarbeit ins sibirische Lager. Das muss man sich vorstellen! Wir wissen nicht, was in Menschen vor sich geht in der kurzen Zeit bis zur Begnadigung.

Dostojewski kam 1850 in die Omsker „Katorga“, wo politische Gefangene und gewöhnliche Verbrecher unter brutalen Bedingungen, oft in Ketten gehalten wurden. Im Prosatext „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, der der Oper zugrunde liegt, schildert er das Dasein im Straflager, porträtiert Gefangene und Wärter.

Castorf:  Das sind lauter Episoden von Dingen, die es bis dahin weder in der russischen Literatur noch sonst wo gegeben hat. Wir kennen den „Graf von Monte Christo“ – aber das sind fiktive Geschichten. Im „Totenhaus“ hat Dostojewski viele, viele Berichte aufgeschrieben und Szenen dokumentiert. Wie sehr ist das Literarisierte eine Abarbeitung dessen, was privat erlebt wurde, durch Kunst?

Nach zwei Jahren Haft erkannte Dostojewski in den Mitgefangenen „Brüder im Unglück“…

Castorf:  Hier geht es nicht um die Geschichte eines oder mehrerer Helden. „Held“ ist das Kollektivwesen, sind die Sträflinge. Dostojewski sammelte die schrecklichen Erfahrungen dieser Menschen. Schreiben war im Lager verboten. Es gibt diese Anekdote, dass er gefragt wurde: „Was machen Sie da?“ „Ich sammle Material.“ „Wozu?“ „Um es später in meinen Werken zu verewigen.“ „Und wo haben Sie es?“ „In meinem Kopf.“ Das war sein Überlebenswerk. Die Erniedrigten bekommen im „Totenhaus“ einen literarischen Spiegel – er schreibt: In jeder Kreatur ist ein göttlicher Funke.

Stilistisch unterscheiden sich die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ von Dostojewskis großen Romanen.

Castorf:  In „Schuld und Sühne“, „Die Dämonen“ oder „Die Brüder Karamasow“ hat man eine Schichtung der Simultanitäten, das ist mir eigentlich lieber als eine solche Dokumentenreihung. „Aus einem Totenhaus“ ist zwar kurz, aber dennoch komplex, auch musikalisch. Hier interessiert mich noch etwas anderes: Wenn man das zaristische Straflager kennt, weiß man, wie Menschen aller Klassen zum Aufbau des neuen Großreichs Sowjetunion benutzt wurden. Sie mussten Kanäle ziehen, Straßen bauen. Wir kennen dann diese ganze Aufbruchsmentalität.

Die kommt vom Nullpunkt, aus dem Straflager.

Castorf:  Das waren Millionen Menschen, Verbrecher, aber auch Intellektuelle, die dieses Land aus dem 19. Jahrhundert in die Industrialisierung des 20. Jahrhunderts unter der stalinistischen Gewaltherrschaft geführt haben.

Wie nimmt die Musik das auf?

Castorf:  Wenn man Janáček hört, diese ausgedünnte Musik, wo alles Kammerspielartige, jede satte Mitte eigentlich übersprungen wird – da meint man, die Schaufeln zu hören, den Amboss, die Hacke. Und man meint, die Ketten zu hören. Das ist die Grundmetapher. Für mich klingt die Musik wie Ketten. Die Simultanität von Komposition und szenischem Geschehen ist unglaublich beeindruckend. Da ist nichts nur Autobahn. Da entsteht eine ganz besondere, anrührende Welt.

Nach Janáčeks Tod wurden zwei seiner Schüler beauftragt, die angeblich unvollständige Instrumentierung zu ergänzen.

Castorf:  Da wurde er missverstanden. Damit macht man das Spröde, Einfache und Einsame der Musik kaputt. Das, worin ich eben diese Kettengeräusche zu hören meine.

Braucht es Demut vor dem Schicksal der Figuren, um das „Totenhaus“ inszenieren zu können?

Castorf:  Man muss zumindest eine Ahnung davon haben. Dostojewski arbeitet zum Beispiel mit der Vermenschlichung von Tieren. Es gibt den Adler, ein behindertes Tier, das gequält wird und dennoch seine Würde behält. Goryancikov nimmt im Lager einen Hund auf – diese Geschichten, die das Menschliche in der Tierwelt spiegeln, finde ich im Sinne des Demut-Gedankens wahnsinnig interessant. Vielleicht war Dostojewski in den Tierbeschreibungen freier als im direkten Dokumentieren der „Katorga“, denn das zaristische System war auch unter Alexander II. (herrschte von 1855-1881; Anm. d. Red.)nicht wirklich verändert.

Das Werk ist Erinnerung an die Opfer eines grausamen Regimes.

Castorf:  Die schlimmste Forderung ist für mich, aktuell zu sein. Furchtbar. Kunst ist nicht aktuell. Kunst ist außerhalb solcher Setzungen. Nehmen Sie Heiner Müllers „Der Auftrag“ – das Stück hat eine Modernität, das ist nicht modisch. Das ist großartige Literatur. Rilke, Kleist. Da brauche ich nicht diese sofort zu verstehende, journalistische Aktualität. Ich kann’s nicht mehr hören. Natürlich nimmt man sich viel vom Erfolg, wenn man nicht so aktuell ist.

Sie sagen auch, dass es eine gesunde Feindschaft zwischen Bühne und Publikum braucht.

Castorf:  Unbedingt. Wenn sich Leute nicht mehr ärgern, merkt man, dass man überflüssig ist.

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