Wieder Probleme bei Stammstrecke Richtung Osten: Züge fallen aus

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Zwei Urgewalten auf der Bühne des Münchner Residenztheaters: Birgit Minichmayr als Karoline und Nicholas Ofczarek, der in Frank Castorfs Inszenierung von Horváths Volksstück Kasimir spielt.

Frank Castorfs Achterbahnfahrt mit „Kasimir und Karoline“

München - München hat seinen ersten Aufreger dieser Theater-Spielzeit. Denn am Ende war sich das Publikum herrlich uneinig: Jubel und Standing Ovations hier, Buhs und fluchtartiges Verlassen des Residenztheaters dort.

Frühzeitige Heimkehrer und Zwischenrufe („Das ist langweilig“) gab es die vorangegangenen vier Stunden sowieso immer wieder. Frank Castorf ist seinem über die Jahre gewissenhaft und liebevoll gepflegten Ruf als Bühnen-Berserker und Regie-Anarcho also wieder einmal gerecht geworden. Knapp zwanzig Jahre hat er nicht in München inszeniert, auch seine damaligen Arbeiten („Miss Sara Sampson“ und „Torquato Tasso“) spalteten Publikum und Kritik. Eh klar.

Am Sonntag also: Die Rückkehr des Langzeit-Intendanten der Berliner Volksbühne an die Isar mit dem Volksstück „Kasimir und Karoline“. Bis dato hat Castorf noch nie Ödön von Horváth inszeniert. Er tat es auch jetzt nur am Rande.

Die Besetzung

Regie: Frank Castorf.

Bühne: Hartmut Meyer.

Kostüme: Jana Findeklee

und Joki Tewes.

Darsteller: Nicholas Ofczarek (Kasimir), Birgit Minichmayr (Karoline), Shenja Lacher (Der Merkl Franz, Jakob), Bibiana

Beglau (Dem Merkl Franz seine Erna, Schürzinger, Rosa), Götz Argus (Rauch, Papa), Jürgen Stössinger (Speer, Mama, Direktor), Tatjana Lindl (Elli, Lippennegerin), Mai-Thy Hoang

(Maria, Gorillamädchen).

Denn die Geschichte des jungen Paars, das während der Weltwirtschaftskrise das Oktoberfest besucht – er gerade arbeitslos geworden, sie schäkernd mit solventen Typen – interessiert Castorf nicht unbedingt: Wie beim Hau-den-Lukas hat der 60-Jährige immer wieder auf den Text gedroschen, hoffend, dass es knallt und die Funken stieben. Vor allem im ersten Teil geht die Rechnung auf. Drall und prall walzt da pure Theater-Energie über die Rampe. Schnell, intelligent und unterhaltsam.

Horváths Text-Bruchstücke hat Castorf munter gewürfelt, als Puzzle zusammengesetzt, mit Szenen aus den Entwürfen zum Stück ebenso verschnitten wie mit Texten von Ernst Jünger („Der Arbeiter“, 1932 im Jahr der Uraufführung von „Kasimir und Karoline“ veröffentlicht). Den Schauspielern bleibt dabei Platz für Anspielungen – auf den Erfolg der Piraten-Partei, auf die Kammerspiele unter Johan Simons („der fliegende Holländer“), auf die Salzburger Festspiele, wo Nicholas Ofczarek und Birgit Minichmayr als Jedermann und Buhlschaft zu erleben sind. Das ist mal platt, mal perfekt. Mal derb, mal hintersinnig und scharf: Fliegt erst das Braunhemd mit dem „Kreuz, dem hakeligen“ in die Scheiße, meint Ofczarek später, als er feststellt, dass die Zuschauer auf der rechten Seite des Parketts zeitweilig nur eingeschränkte Sicht haben: „Ich hab’ dem Regisseur gleich gesagt: Die Rechten sehen nichts.“

So öffnet Castorf Assoziationsräume, kitzelt das Hirn. Klar ist es auch eine Sauerei, die da auf der Bühne abgeht: Hartmut Meyer hat zwei ekelhafte Latrinen aufgebaut, die eifrig benutzt werden. Es wird geflucht und gehurt, gesoffen, gesabbert und wild durch die Gegend gepisst. Alles wie auf der Wiesn eben.

Schade, dass die Inszenierung nach der Pause zerfasert. Spannung, Tragik, Komik und Relevanz des so starken Beginns gehen verloren. Fast wirkt es, als sei der Regisseur ins Spiegelkabinett geraten und habe dort sein Ziel aus den Augen verloren.

Die Handlung

Auf dem Oktoberfest, zwischen Achterbahn und Abnormitäten, geht die Beziehung zwischen Kasimir und Karoline endgültig in die Brüche: Er, ein anständiger Kerl und Chauffeur, ist gerade arbeitslos geworden und kann nicht glauben, dass seine Verlobte ihn dennoch liebt.

Karoline will trotz Kasimirs schlechter Laune feiern – und liebäugelt obendrein mit dem gesellschaftlichen Aufstieg, flirtet mit Zuschneider Schürzinger, Kommerzienrat Rauch und Landgerichtsdirektor Speer. Währenddessen besäuft sich Kasimir und droht, durch den Einfluss des Kleinkriminellen Merkl Franz auf die schiefe Bahn zu geraten. Als Karoline sich mit Kasimir versöhnen will, weist dieser sie zurück.

Doch die Schauspieler, die sich mit Furor in den Abend werfen, retten Castorfs Inszenierung. Ja, sie sind alle eine Schau: Ofczarek lässt seinen Kasimir fast sekündlich wechseln zwischen wehleidigem Hanswurst und brutalem Macho-Proll. Der Mann ist eine Urgewalt, die ihren Gegenpart in Minichmayr gefunden hat: naives Ding, selbstbewusstes Luder und treue Seel’ – zudem hat diese Karoline eine Stimme, die direkt aus jenem Abgrund zu kommen scheint, in den die Menschheit Ende der Zwanziger-/ Anfang der Dreißigerjahre blickte. Herrlich.

Diesen beiden absolut ebenbürtig: Bibiana Beglau als Erna, Schürzinger und Rosa sowie Shenja Lacher, der Merkl Franz sowie Jakob spielt und bereits zu Dieter Dorns Ensemble gehörte. Ja, diesem Quartett schaut man gerne zu. Dennoch hätte eine straffere Inszenierung zusätzliche Wucht entfalten können. Frank Castorf, der 2013 den Jahrhundert-„Ring“ auf dem Grünen Hügel inszenieren wird, hat im Residenztheater einen Abend eingerichtet, der einer Fahrt im Olympia Looping auf der Wiesn gleicht: Klar, kann dir in der größten Achterbahn der Welt kotzübel werden. Doch manches erkennst du eben erst, wenn der Kopf nach unten hängt.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 7., 11. und 14. November;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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