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Behält trotz Demütigungen ihre Stärke: Elvira (Bibiana Beglau).

Premiere von „Don Juan“ am Münchner Residenztheater

Frank Castorfs Tiere, Menschen, Assoziationen

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War früher mehr Tiger im Tank? Mit Molières „Don Juan“ inszenierte Frank Castorf die letzte Produktion der Spielzeit am Münchner Residenztheater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Es ist natürlich alles da: Texte-Verschnitte, Drehbühne, Live-Videos, Tiere, Menschen, Assoziationen. Und doch ist nichts wie immer. Frank Castorfs Inszenierung von Molières „Don Juan“ war am Freitag die letzte Premiere dieser Spielzeit am Residenztheater. Zugleich ist es seine letzte Arbeit am Haus unter der Intendanz von Martin Kušej. In dessen Münchner Abschiedssaison 2018/ 19 wird der 66-Jährige nicht hier arbeiten: „Habe leider keine Zeit.“ Und so wirkt dieser knapp viereinhalb Stunden lange Abend (eine Pause), als wolle der Ex-Langzeit-Chef der Berliner Volksbühne nochmals exemplarisch sein Verständnis von Theater vorführen: Seht her, so funktioniert eine Castorf-Produktion. Das Publikum (keine Frage, im zweiten Teil blieben ein paar Plätze leer) feierte diese mit langem, heftigem Applaus.

Leise Melancholie auch in der Zweisamkeit zwischen Charlotte (Nora Buzalka) und Don Juan (Franz Pätzold). 

Kušej holte Castorf 2011 nach fast 20 Jahren München-Abstinenz für „Kasimir und Karoline“ wieder in die Stadt. Bis dato hatte der Regisseur nie einen Horváth inszeniert; er tat es auch damals nur am Rande – dafür gab’s Schauspielerwucht, Wortwitz und Ferkeleien, die vor allem den ersten Teil zur Schau machten. Es folgten 2013 „Reise ans Ende der Nacht“ nach Célines Roman, das waren Wimmelbilder einer kaputten Welt, sowie „Baal“ (2015).

Gegen Castorfs „Baal“ klagten die Brecht-Erben

Diesem Abend konnte nichts Besseres widerfahren als die Klage der Brecht-Erben gegen eine angeblich „nicht autorisierte Bearbeitung des Stückes“. Die sechseinhalbstündige Verhandlung vor dem Landgericht München, die mit einem Vergleich endete, war am Ende entlarvender als Castorfs Interpretation. Vor zwei Jahren folgte der Theatermacher dann Hašeks „Abenteuern des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“, eine geschickt zwischen Powerplay und Konzentration balancierende Arbeit.

Fokussiert, überraschend behutsam entwickelt sich nun „Don Juan“. Castorf arbeitet erneut mit seinen bewährten Münchner Schauspielern: Bibiana Beglau, die Elvira in ihrer Verletzlichkeit dennoch als starke Frau zeigt; Aurel Manthei und Franz Pätzold, die sich virtuos und facettenreich die Titelrolle teilen; Jürgen Stössinger, dem als Don Juans Vater rührende Momente glücken, als er glaubt, sein Sohn habe Gott und damit den rechten Weg gefunden. Nora Buzalka und Marcel Heuperman zeichnen Charlotte und Pierrot als böse Porträts tumber Landeier jenseits der Karikaturen.

Frank Castorf inszenierte zum letzten Mal für Resi-Intendant Martin Kušej.

Ja, Castorf war schon mal lauter, brutaler, direkter, fordernder, anstrengender. Früher war mehr Tiger im Tank, heute stehen auf der Resi-Bühne die drei Ziegen Onyx, Saphir und Rubina recht gesittet hinterm Gatter und fressen. Freilich macht es die leise Melancholie einfacher, dem Regisseur in die Assoziationsräume zu folgen, die er aufbaut, wenn er Kontext und Fußnoten mitinszeniert. Dazu reichert er das 1665 uraufgeführte Drama von Molière (1622- 1673) an mit Texten von Georges Bataille, Heiner Müller, Blaise Pascal und Alexander Puschkin.

Zwingend ist Castorfs Spiel mit Einschüben, Auswüchsen, Umwegen immer wieder. Für den ersten Akt etwa hat Aleksandar Denić einen barocken Guckkasten gebaut; hier erniedrigt und misshandelt Don Juan seine Elvira. Im Inneren des Drehbühnenaufbaus befindet sich aber ein Speisesaal. Dort tafelt der Adel, der nach und nach von der Pest dahingerafft wird. Der Schwarze Tod befeuert Begierden, bringt Selbstsüchtiges und Triebhaftes ans Licht, reißt Grenzen des Anstands nieder – und treibt so in der Vernichtung die Handlung voran.

„The Boys are back in Town“ von Thin Lizzy

Die Inszenierung zweifelt jedoch erheblich an der subversiven Kraft eines Lebens, das sich in einem Satz zusammenfassen lässt: „Ich habe einen natürlichen Hang, mir bei allem, was mich anzieht, keine Schranken zu setzen.“ Das Treffen des Bauernmädchens Charlotte mit dem Verführer wird zwar durch Zitate aus Batailles „Das obszöne Werk“ vorbereitet und aufgeheizt. Auch tollen die beiden Don Juans bis auf die Strümpfe nackt zu „The Boys are back in Town“ von Thin Lizzy über die Bühne. Doch führt ihre Geilheit ins Leere.

In der Philosophie Batailles gelangt der Mensch durch das Niederreißen (sexueller) Tabus, durch die Entgrenzung und (Selbst-)Verschwendung in der Orgie zur wahrhaftigen Souveränität. Im Residenztheater geben die Herren der Schöpfung ein mehr als erbärmliches Bild ab, wenn sie sich in Dauerschleife ohrfeigen. Kurz vor Schluss finden die von Don Juan Gedemütigten – vor allem Frauen also – zusammen, um mit Passagen aus Heiner Müllers „Der Auftrag“ (ein Stück, bei dem sich Castorf schon manches Mal bediente) politisch aktiv zu werden: „Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand.“ Da bleibt dem nihilistischen Gockel nichts mehr als ein dürres „Ich will mit“. Krasser kann man den Macho nicht bloßstellen.

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