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Wie Zombies drängen die Wiesn-Gäste in „Nachts im Paradies“ ans Taxi.

Frank Schmolke legt seinen Comic-Roman „Nachts im Paradies“ vor

Der Wiesn-Wahn im Comic

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Der Comic-Künstler Frank Schmolke erzählt in „Nachts im Paradies“ von seiner Zeit als Taxifahrer in München.

Waldorf und Statler können einem die Nacht versauen. Die beiden Geschäftsmänner auf dem Weg zum Flughafen sind viel zu spät dran – jetzt soll’s der Taxler richten: „Die Straßen sind doch frei, und die Polizei schläft schon. Dann gibt’s auch mehr Trinkgeld.“ Von wegen – auf dem Ring, unweit der Donnersbergerbrücke, grellt ein Blitzer auf, wenige Meter weiter bittet die Polizei zur Sofortkasse: 125 Euro und einen Punkt in Flensburg kriegt Vincent, der Fahrer, aufgebrummt. Die Stresseulen auf seiner Rückbank liefert er dennoch pünktlich am Flughafen ab. Das angekündigte Trinkgeld? Ein Zwickel. „Arschgeigen“, entfährt es Vincent, als er wieder allein im Wagen sitzt.

Frank Schmolke

Ihn gibt es wirklich, ebenso wie Waldorf und Statler. Die beiden Anzugträger heißen freilich nicht wie die alten Grantler aus der „Muppet Show“ – Frank Schmolke hat ihnen die treffenden Namen in seinem Comic-Roman „Nachts im Paradies“ gegeben. 2014 hat er die beiden aber tatsächlich zum Flughafen gefahren. Schmolke, 1967 in München geboren, hat seit 1989 den Taxischein. Heute lebt er als Comic-Künstler und Illustrator mit seiner Familie etwas außerhalb der Stadt. „Bei Auftragsflauten oder finanziellen Krisen“ sei er in der Vergangenheit ab und an Taxi gefahren, wie er im Nachwort seines neuen Buches schreibt.

Frank Schmolke hat seit 1989 den Taxischein

So auch vor fünf Jahren: „Mein Plan war, mit Speed-Taxln in zwei Wochen möglichst viel Umsatz zu machen. Das Oktoberfest stand vor der Tür, die lukrativste Zeit für Münchner Taxifahrer. Der Plan ging nicht ganz auf, ich war schon zu lange raus aus dem Geschäft. Die Routine eines gut eingefahrenen Taxlers hatte ich verloren.“

Dafür hatte Schmolke etwas anderes hinterm Steuer seines Mercedes dabei: sein Ohr für gute Geschichten und sein Auge für spannende Gestalten. Name und Aussehen seiner Fahrgäste hat er freilich verändert – doch bei seinen Fahrten während der Wiesn 2014 entstand die Grundlage für „Nachts im Paradies“; erste Zeichnungen fertigte Schmolke meist noch im Auto. Sein Skizzenbuch fuhr schließlich immer mit.

Schmolkes Ansatz erinnert an „Night on Earth“ von Jim Jarmusch

Es sind Nachtschattengewächse, Gestrandete und Gefährliche, Suchende und Selbstzufriedene, Feiernde und Fertige, die Vincent durch das finstere München kutschiert. Schmolke erzählt spannend von ihnen – und voller Empathie. Sein Ansatz erinnert an „Night on Earth“ (1991), doch während Jim Jarmusch seine Taxler-Episoden in diversen Städten spielen ließ, bleibt Schmolke seiner Geburtsstadt treu. Und das lohnt sich für den Leser. Denn bereits die Graphic Novel „Trabanten“ (2013) des Zeichners und Autors war auch das treffende Porträt Münchens in den Achtzigerjahren. Nun zeigt Schmolke erneut, wie genau er die Stadt, ihr Aussehen und ihre Stimmungen beobachtet. Das geschieht en passant – im Zentrum der Bilderzählung stehen Figuren wie Zuhälter Igor mit seinem verlockenden Angebot, wie Valerie, die geheimnisvolle Frau, wie die Besoffenen, die jede Tour zum hygienischen Risikospiel machen, und wie Anna, Vincents Tochter, die er unbedingt vor den Gefahren der Stadt schützen will.

„Taxifahren und Zeichnen haben gewisse Parallelen“, sagt Schmolke. „Das Suchen einer Fahrtroute ist ähnlich dem Ziehen einer Linie mit dem Stift. Manchmal perfekt und manchmal krakelig und voller Fehler. Und der Fahrgast ist wie ein weißes Stück Papier. Vorerst neutral. Während der Fahrt füllt sich das Blatt mehr und mehr.“

„Trabanten“ war auch ein Porträt Münchens in den Achtzigern

Seinen Stil hat Schmolke seit „Trabanten“ weiterentwickelt. Sein Strich ist heute rauer, treffender und damit lebendiger; der Rhythmus der Münchner Nächte pulst auch auf den Seiten. Besonders schön ist, dass er dem Schwarz-Weiß die Treue hält – bei einem Buch, das vor allem in der Dunkelheit spielt, bietet sich das natürlich an. Schmolke zeigt hier aber auch, wie bunt man erzählen kann, wenn man sich auf zwei Farben beschränkt.

Viele Hundert Stunden sei er Taxi gefahren. „Heute bin ich heilfroh, wenn ich nicht mitten in der Nacht, mitten auf der Straße, mit wildfremden Menschen meine Zeit verbringen muss.“ Dennoch hat Frank Schmolke Respekt vor diesem „außergewöhnlich anspruchsvollen Beruf“ – und deshalb bittet er am Ende seines bemerkenswerten Buches die Leser: „Sollten Sie demnächst in einem Taxi sitzen, seien Sie freundlich und geben Sie ein gutes Trinkgeld.“

Informationen zum Buch:

Frank Schmolke: „Nachts im Paradies“. Edition Moderne, Zürich, 360 Seiten; 29,80 Euro.

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