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Es ist eine Kunst, in der Vielzahl der Neuerscheinungen, die von morgen an auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden, den Durchblick zu behalten. Ehrengast Neuseeland schickt rund 70 Autoren an den Main – einige bemerkenswerte Bücher aus dem Gastland stellen wir auf dieser Seite vor.

Viele Unbekannte – eine Weltliteratin

In Neuseeland gibt es eine kleine Verlagsszene und kaum prominente Autoren. Dennoch kann es spannend werden, wenn sich das Land von Mittwoch an als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Wir haben die wichtigsten Neuerscheinungen aus Neuseeland gelesen.

David Ballantyne: „Sydney Bridge Upside Down“

Als „einen Sommer am Rand der Welt“ beschreibt David Ballantyne seinen Roman. 1968 erstmals veröffentlicht, gilt er heute als Klassiker der neuseeländischen Literatur. Das Kaff Calliope Bay ist ein riesiger Abenteuerspielplatz für Harry und seine Freunde. Der dreizehnjährige Ich-Erzähler berichtet von tristen Familienverhältnissen: Der Vater kümmert sich wenig, die Mutter ist gar ganz gegangen, um mit einem anderen Mann ein neues Leben zu beginnen. Kindliche Schauerromantik à la Tom Sawyer kommt auf, aber es gibt eben auch wirklich dunkle Gestalten und dunkle Orte. Belebt wird die Szenerie durch Harrys ältere Cousine Caroline, die gerne Küsschen verteilt und nicht nur den Buben von Calliope Bay den Kopf verdreht. „Sydney Bridge Upside Down“ ist eine unterhaltsame, lockere Lektüre mit amourösem Seitenstrang und breitem Spannungsbogen. Der Roman lebt vor allem von seinen kindlich-coolen, witzigen Dialogen (Hoffmann und Campe, 333 Seiten; 19,99 Euro).

Janet Frame: „Ein Engel an meiner Tafel“

Mit realistischem Röntgenblick hat Janet Frame ihre Autobiografie verfasst. Dreh- und Angelpunkt von „Ein Engel an meiner Tafel“ ist dabei das Jahr 1945. Damals ist Janet 21 Jahre alt und hat bereits zahlreiche Schicksalsschläge ertragen müssen: Ihr Bruder leidet an Epilepsie, ihre beiden Schwestern sind ertrunken, schließlich stirbt die Mutter. Bei Janet wird fälschlicherweise Schizophrenie diagnostiziert – und so verbringt sie Jahre in einer Nervenheilanstalt. Das eigene Schreiben lässt Janet Frame überleben, führt sie schließlich hinaus in die Freiheit, wo die Existenz als Schriftstellerin beginnt. Sie schildert in diesem Buch nicht nur ihre Jugend, sondern skizziert auch das Bild Neuseelands und seiner Menschen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg (Verlag C. H. Beck, 285 Seiten; 19,95 Euro).

Lloyd Jones: „Die Frau im blauen Mantel“

„Wer ein streunendes Tier aufnimmt, weiß nicht, woher es kommt. Aus der Sicht des Hundes und seines Retters ist das gut.“ Diese Gedanken passen zur jungen Afrikanerin, die sich Ines nennt. Sie ist die „Frau im blauen Mantel“, die dem Roman seinen Titel gibt. Lloyd Jones hat eine aktuelle Problematik zum Thema seines Romans gemacht: die Flucht von Afrikanern nach Europa, das sich zusehends als Festung präsentiert. Ines hat in Tunesien gearbeitet, dort einen Sohn von einem Deutschen zur Welt gebracht. Nach der Geburt hat er ihr das Kind weggenommen, es mit in seine Heimat genommen. Ines will hinterher, nach Berlin, koste es, was es wolle. Jones erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven: jener von Ines, der eines Kommissars und jener von Menschen, die der „Frau im blauen Mantel“ begegnen. So ergibt sich ein vielschichtiges Bild, bei dem allerdings nicht immer klar ist, wer gerade die Wahrheit sagt (Rowohlt, 316 Seiten; 19,95 Euro).

Katherine Mansfield: „Sämtliche Erzählungen“ und „Über die Liebe“

Zur Buchmesse gibt es eine neuseeländische Autorin wiederzuentdecken, die längst zur Weltliteratur zählt: Katherine Mansfield (1888-1923). Nun sind ihre „sämtlichen Erzählungen“ herausgekommen, mit einer einfühlsamen Einführung des Autors Anthony McCarten, der gerade „Ganz normale Helden“ veröffentlicht hat (wir berichteten). Zudem ist der Band „Über die Liebe“ erschienen, in dem der Leser Mansfield in ihren privaten Aufzeichnungen und Briefen begegnet: „Aber das warme, eifrige, lebendige Leben (...) lernen, sich danach sehnen, zu wissen, zu fühlen, zu denken, zu handeln. Das ist es, was ich will“, schrieb Mansfield drei Monate vor ihrem Tod im Alter von nur 34 Jahren. Die Autorin hat rund 70 Erzählungen hinterlassen und einige unvollendete Prosatexte. Was ihren Weltruhm ausmacht, ist ihr klarer, realistischer Stil, gepaart mit einer eigenwilligen Erzählhaltung: Mansfields Erzähler sind zwar allwissend, doch ihr Wissen deckt bloß auf, woran Menschen leiden, woran sie glauben, was sie fürchten, was sie begehren. Mansfields Literatur stellt das „lebendige Leben“ in all seinen Facetten vor. Und genau dies macht ihre Erzählungen unsterblich („Sämtliche Erzählungen“. Diogenes, 899 S.; 45,90 Euro. „Über die Liebe“. Schöffling, 170 Seiten; 14,95 Euro).

Andreas Puff-Trojan

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