Frankfurter Sommernachtstraum

München - Zauber, Triebe, Täuschungen: Martin Mosebachs berückender Roman "Der Mond und das Mädchen"

Es ist als eine Art Sommernachtstraum gedacht: die Geschichte einer Liebe, die sich in den heißen, durchwachten Nächten inmitten eines Großstadt-Hinterhofs allmählich verliert. Die flirrende Fiebrigkeit des Sommers lässt die Grenzen und Strukturen der Bindungen und Beziehungen zerfließen. Nichts ist mehr in seiner Klarheit und Eindeutigkeit zu erkennen, die Erscheinungen ändern ihr Äußeres, die Fantasie treibt wilde Blüten, die Wahrheit liegt hinter den Worten und ihrer Bedeutung.

Martin Mosebach (56) hat mit "Der Mond und das Mädchen" einen berückenden Roman geschrieben über die Irrungen und Wirrungen eines frisch verheirateten Paares. Der hochgeehrte Autor - am 27. Oktober wird er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet - hat darin Frankfurt am Main, die Stadt, in der er lebt, zum Schauplatz gewählt. Auf dem Hinterhof des alten, jugendstiligen, aber ziemlich verkommenen Mietshauses am Basler Platz treibt er des Nachts eine bunte Gesellschaft zusammen, dominiert vom türkischen Hauswart und Waschanlagenbetreiber, der mit Argusaugen alles kontrolliert, und alkoholisch versorgt vom äthiopischen Wirt des Vorderhaus-Ausschanks.

In diese illustre Runde gerät Hans, der junge Banker, der sich wie "Hänschen klein, ging allein in die weite Welt hinein" hier ziemlich verrennt. Neu in Frankfurt, hat es ihn bei seiner Wohnungssuche in dieses urbane Viertel getrieben, wo er mit der gemieteten, äußerst wundersamen Dachgeschosswohnung nun seine frisch angetraute Ina überraschen will. Als sie - ein vornehmes Hamburger, der Mutter höriges Luxusgewächs - nun endlich dazukommt, fühlt er sich längst schon wohl bei den nächtlichen Hofgelagen dieser geschäftigen Multikulti-Meute. Und, was schlimmer ist, er fühlt sich zunehmend angezogen von den unverblümten Avancen, die ihm das extravagante Paar macht, das unter ihnen wohnt. Schauspielerin sie, Philosoph er, mit denen Mosebach eine kleine Reminiszenz liefert an die mittlerweile der Verklärung anheim gefallenen, sexuell befreiten 68er-Jahre.

Wie eine Schlafwandlerin nimmt Ina, die junge Ehefrau aus "feinem Haus", alles wahr - das, was ist, und das, was nur sie sieht. Das Irreale, das Symbolträchtige. Und entfernt sich dabei immer weiter von ihrer Liebe. "Alles war, wie es sein sollte - und doch, alles war zugleich ungreifbar anders als erhofft und erwartet. Das Freudenfeuerchen, das immerfort gebrannt hatte, wenn sie zusammen waren, war erloschen. Aber wann genau?" So fragt der Erzähler im Roman. Es ist die Kunst Mosebachs, hier keinen konkreten Akzent zu setzen, sondern wie durch ein leise wirkendes, nicht benennbares Gift das Paar voneinander zu entfernen. Fast schicksalhaft und durchaus komisch.

Mosebach spinnt ein feines Netz von Ahnungen, Trieben, Täuschungen und Enttäuschungen, von handfesten Lügen und sonderbaren Begebenheiten, in dem er seine Figuren sich verfangen und wie Gefangene strampeln lässt. In den ganz alltäglichen Zwängen des Lebens. Und dass die hier nie banal und literarisch etwa alltäglich erscheinen, dafür sorgt die in ihrer Objektivität, Schlichtheit und Poesie hochkarätige Sprache.

Im wahrsten Sinne des Wortes ein zauberhaftes Buch. Mehr noch als an Shakespeares "Sommernachtstraum" lässt es einen allerdings an Botho Strauß und seine mit dem Irrealen auf Du und Du befindlichen Figuren denken. Aber auch dieser Vergleich ist ja nicht ehrenrührig.

Martin Mosebach: "Der Mond und das Mädchen".

Carl Hanser Verlag, München, 191 Seiten; 17,90 Euro.

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