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Täuschend echt: Helmut Schleich als Franz Josef Strauß. Auch das vom Kabarettisten herausgegebene Tagebuch trifft den Duktus von FJS sehr genau.

Kabarettist Helmut Schleich über Franz Josef Strauß

„Brutalität, Vitalität, Sentimentalität“

München - Vor 25 Jahren, am 3. Oktober 1988, starb Franz Josef Strauß, doch vergessen ist der legendäre CSU-Chef und Landesvater bis heute nicht. Dafür sorgt nicht zuletzt Kabarettist Helmut Schleich (46).

Schleich verwandelt sich zur Freude seiner Fans immer wieder in FJS und lässt ihn zum Weltgeschehen räsonieren.

Pünktlich zum 25. Todestag ist aus Schleichs Feder nun auch „Mein Tagebuch“ (Droemer Verlag, 265 Seiten; 14,99 Euro) erschienen, Notizen aus 25 Jahren, die natürlich nicht von Strauss stammen, aber leicht von ihm stammen könnten.

-Wie lange haben Sie geübt, bis Sie Franz Josef Strauß so gut draufhatten?

Na ja, FJS verfolgt mich seit der Schulzeit, ich bin mit ihm politisch sozialisiert worden. Insofern ist das eine Figur, die schon lange in mir geschlummert hat, aber erst in den vergangenen fünf, sechs Jahren so richtig zum Leben erwacht ist. Üben kann man eine Figur wie Strauß nicht. Es hilft, wenn man eine ähnliche Statur hat, der Rest – da gibt’s vielleicht einfach ein gewisses bayerisches Gen.

-Sind Sie durch die Beschäftigung mit FJS über die Jahre zum Fan geworden – vielleicht sogar gegen Ihren Willen?

Das wird mir häufig unterstellt, stimmt aber nicht. Ich habe ihn ja nie persönlich kennengelernt, aber durch die intensive Beschäftigung mit ihm glaube ich, ein sehr differenziertes Bild seines Charakters gewonnen zu haben...

-Und – was war er für ein Charakter?

Er war – so würde ich es beschreiben – die Mitte des Dreiecks Brutalität, Vitalität, Sentimentalität, was ja ganz generell die bayerische Grundhaltung ist. Ein absolut gnadenloser Hund, der auf der anderen Seite auch geistreich und charmant sein konnte. Die Bipolarität macht die Kraft dieser Figur aus, bis heute. Sie ist die ideale Projektionsfläche.

-Seine größte Stärke, seine größte Schwäche?

Seine größte Stärke war sicher sein Talent, messerscharf zu analysieren und zu formulieren, seine größte Schwäche war seine Skrupellosigkeit im Umgang mit Menschen, die nicht auf seiner Linie lagen.

-Wie lange schreibt man an einem solchen Tagebuch?

Strauß hat 25 Jahre daran geschrieben. (Lacht.) Im Ernst – mein Co-Autor Thomas Merk und ich, wir haben das Tagebuch in ungefähr drei Monaten zu Papier gebracht. Aber natürlich waren dazu Vorarbeiten nötig, die schon ein paar Jahre gedauert haben. Das ist ein langer Prozess des Sichtens und Sammelns. Ich habe mich ja als Strauß schon länger zu vielem positioniert, was in den vergangenen Jahren so passiert ist in Bayern, Deutschland und der Welt, da haben wir uns natürlich auch bedient.

-Ihr FJS ereifert sich über seine Erben – für ihn alles Versager...

Das ist sein Schicksal, er muss aussprechen, was der Kabarettist Helmut Schleich denkt. (Lacht.) Obwohl ich, wenn ich als Strauß spreche, immer versuche, so gut es geht seine Perspektive einzunehmen, auch was das Nachfolgepersonal betrifft. So ist die Figur ja übrigens auch entstanden. Im Jahr 2008, nach dem Verlust der absoluten Mehrheit, stand plötzlich die Frage im Raum: Was hätte eigentlich der große Vorsitzende dazu gesagt, dass die CSU so ins Trudeln gekommen ist?

-Viele beklagen, es gebe keine echten Typen mehr in der Politik, solche wie Strauß, mit Ecken und Kanten...

Natürlich ist das richtig. Andererseits – Typen mit Ecken und Kanten sind da, wo Macht und Einfluss sind. Macht und Einfluss haben sich aber in den letzten Jahrzehnten von der Politik weg hin zur Wirtschaft verschoben. Ein Strauß, wenn er heute leben würde, wäre kein Politiker, sondern Vorstandsvorsitzender eines großen Konzerns. Der würde sich in die Niederungen der Politik gar nicht mehr hinabbegeben wollen, weil ihm klar wäre, dass die wichtigen Entscheidungen nicht mehr im Kanzleramt fallen oder in der Staatskanzlei.

-Sind Sie den Kindern von FJS schon persönlich begegnet?

Ja, ich habe alle drei schon kennengelernt.

-Und weder Max noch Franz Georg noch Monika hat sich beschwert, dass ihnen ihr Vater dauernd quicklebendig auf der Bühne oder im Fernsehen begegnet?

Nein, alle drei stehen dem Schleich’schen Strauß sehr aufgeschlossen gegenüber, vielleicht weil sie finden, dass diese Parodie ihren Vater in gewisser Weise unsterblich macht. Über andere bedeutende Politiker aus dieser Epoche redet heute kein Mensch mehr.

-Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, FJS ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod endgültig ruhen zu lassen?

Ich definiere mich ja nicht primär über die Figur Franz Josef Strauß, auch wenn das eine Figur ist, die in Bayern sehr stark wahrgenommen wird. So lange ich mit FJS aktuelle politische Inhalte gut transportieren kann, bleibt er für mich interessant.

- Aber die Zahl derer, die ihn noch erlebt haben, wird kleiner. Viele kennen ihn nur noch aus historischen Aufnahmen...

Da wirkt dann der Mythos – mit manchmal bizarren Auswirkungen. Die jungen CSU-Anhänger sind ja plötzlich wieder sehr selbstbewusst, die identifizieren sich mit der Partei wie andere mit dem FC Bayern und verwechseln dabei Politik mit Fußball. Wenn die meinen Strauß hören, wie der über ihre Politstars herzieht, dann hört der Spaß schnell auf. Andere sagen mir, sie hätten sich nach meinen Auftritten mal den echten Strauß im Internet angeschaut und wären enttäuscht gewesen.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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