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Das Franz Marc Museum in Kochel.

Sonderschau zum 100. Todestag

Franz Marc Museum: Das Guggenheim zu Gast in Kochel

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München - Große Leihgabe aus dem Guggenheim-Museum in New York: Das Franz Marc Museum in Kochel erinnert mit „Das arme Land Tirol“ an seinen Namensgeber, der vor 100 Jahren starb.

Der Star aus New York ist gut in Kochel am See angekommen. Die Begleitung flog erster Klasse, der Star in einer großen kanariengelben Kiste – einer Klimakiste. Das kleine Franz Marc Museum bekam vom großen Guggenheim-Museum eine grandiose Leihgabe: „Das arme Land Tirol“, 1913 entstanden. Noch ein paar Tage musste der Gast in seinem Schutzraum ruhen, dann durfte er in sein extra hergerichtetes Gemach – und auf eine dunkelrot gestrichene, breite Wand. Das Marc Museum widmet sich heuer, wie berichtet, ganz seinem Namensgeber. Denn der bayerische Maler, 1880 in München geboren, ist am 4. März vor 100 Jahren vor Verdun an einer schweren Verwundung gestorben.

Die erste von drei Ausstellungen, die Museumschefin Cathrin Klingsöhr-Leroy für 2016 geplant hat, rahmt das erschütternde Gemälde „Das arme Land Tirol“ ein und hat daher diesen Titel. Die Schau rahmt zugleich das Schaffen Marcs ein in das Umfeld der anderen Künstler des „Blauen Reiter“, von Paul Klee über August Macke und Alexej Jawlensky bis hin zu Wassily Kandinsky. Im „Foyer“ der Präsentation korrespondieren nicht nur Marc und Macke über Tiere im Grünen, Marc fährt außerdem harte Prisma-Splitter gegen Paul Delaunays weichen Kubismus auf.

Dann zieht es den Betrachter auch schon hinein in den Raum, in dem das „Tirol“-Gemälde dominant drängend auf den Betrachter einwirkt. Was wir als Törggelen-Idyll im Kopf haben, ist im Gemälde eine ausgezehrte Landschaft, die in Bruchstücke zu zerfallen scheint. Das Land ist so mager wie die Gäule im Vordergrund. Drohend stehen die Gebirgskegel genauso wie die festungs- oder fabrikartigen Gebäude. Der Grenzpfahl mit dem Doppeladler, über dem ein richtiger Adler auf einem toten Baum sitzt, ist einer der wenigen konkreten politgeografischen Hinweise, die Franz Marc je gegeben hat. Und über diesem Vogel biegt sich ein bunter Streifen – ein Regenbogen der Hoffnung? Dieses große Werk ergänzt Klingsöhr-Leroy mit einer sehr zielführenden Vorskizze und einer, die noch keine echte Zuspitzung erkennen lässt.

Ganz besonders gelungen ist die weitere Einbettung des „Armen Lands Tirol“, das oft als Vorahnung des Ersten Weltkriegs interpretiert worden ist. Viele kleine Zeichnungen und Gouachen erzählen von Marcs Bilder-Welten: Da sind das Faschingskindl oder der heilige Sebastian, da das Osterlamm und das „Getötete Reh“ sowie das „Sterbende Reh“ oder eine blutende Hyäne, die einen im Herzen berühren, oder eine Vorstudie zu den „Wölfen (Balkankrieg)“. Gegen die Symbole des geschändeten Tiers und gegen unsere Trauer darüber helfen eine bukolische Szene mit nackter Schäferin, auch fröhliche grüne Gämsen und ein zwischen Baumstämmen ins Unterholz gekuscheltes Tier in paradiesischer Ruhe. Auf die Zeichnung einer ausgemergelten Mähre, die gerade zusammenbricht, hat Marc fein mit Bleistift „Der Leinwandmesser“ geschrieben. Diese Erzählung von Leo Tolstoi aus der Sicht eines fast zu Tode geschundenen Pferdes ging Marc ebenso im Kopf herum wie Gustav Flauberts Nacherzählung der Legende vom heiligen Julian, der vor seiner Umkehr Wild sinnlos niedergemetzelt hatte.

Da Franz Marc im Tier das Unverfälschte, ja Reine sah, fehlen bei der aktuellen Exposition natürlich seine herzigen Katzen so wenig wie die Esel im Gänsemarsch, die die Besucher des Kocheler Museums so sehr lieben. Wer Lust hat, kann darüber hinaus nach dem Heuschreck suchen – gar nicht so einfach – oder nach einem kleinen Stier, der sich hinter einem rosa-weißen Farbschleier versteckt; übrigens ein Neuzugang.

Ob weiche Linie mit Schwung oder zackige, ebenfalls mit Schwung, der Besucher kann immer wieder Bezüge herstellen zwischen verschiedenen Bildern. Wellen-geschmeidig springen hier die Rehe durchs Gelände, und dort verharren Maria Marc und Kätzchen in Schmuse-Stille, zusammengefügt aus und umspielt von runden Farbformen. Wesentlich komplexer ist die andere Komposition, an der sich Marc mehrfach versucht hat. Am berühmtesten im „Turm der blauen Pferde“, bei dem sich die Leiber gewissermaßen in die Tiefe staffelten. Dieses Werk, auch 1913 geschaffen, ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Eine Bleistiftskizze dazu ist im Museum zu sehen. Diese Staffelungs- oder Stapelstrategie probierte der Maler auch an den Hocken oder Strahdrischen aus, die früher das Kocheler und Murnauer Moos prägten. Diese Pflanzen-Hügel, die bei „Alpenszene“ in die Ferne wandern, stoßen schließlich an einem anderen Gebirge an – oder an der drohenden Stadtsilhouette?

Zivilisation, Kunst und Natur thematisiert parallel zu Franz Marc die Videoinstallation „Playing to the Birds“ von Annika Kahrs (Jahrgang 1984). Sie bezaubert mit der Liszts Musik zu Franz von Assisi und seiner Vogelpredigt, und sie erschreckt uns mit den Filmbildern von lauter eingesperrten Vögeln.

6. März bis 5. Juni, Di.–So. 10–17 Uhr, ab April bis 18 Uhr; Franz-Marc-Park 8–10; Tel. 08851/ 92 48 80; Katalog, Sieveking Verlag: 29,80 Euro.

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