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Das verschollene Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc wurde zum Mythos.

Ausstellung in München

Franz Marcs verschollene Legende

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Die Graphische Sammlung zeigt in der dritten Pinakothek „Vermisst – ,Der Turm der blauen Pferde‘ von Franz Marc“.

München - Sind das Spuren von Panzerketten? Wenn man von der Türkenstraße her in die Pinakothek der Moderne hereinkommt, sieht man im gegenüberliegenden Eingang diese Male schemenhaft auf der Glasscheibe. Aber da man zur Schau „Vermisst – ,Der Turm der blauen Pferde‘ von Franz Marc“ strebt, erwartet man nichts Extremes. Und doch haben sich in den Räumen der Staatlichen Graphischen Sammlung die Panzerketten hart in den schwarzblauen Holzboden gegraben. Dazwischen sind Zitate des Bayern Franz Marc in die Platten gefräst. Thomas Kilpper hat sich also vor allem für die Kriegssituation interessiert. Die erste, die 1916 den Soldaten Marc ausgelöscht hat, und die zweite, die 1945 sein berühmtes Gemälde getilgt hat.

Michael Hering, Chef der Graphischen Sammlung, wollte nicht nur die Geschichte des verschollenen und längst zur Legende gewordenen Gemäldes erzählen, er wollte Reaktionen von heutigen Künstlern auf dieses „Idol“ zeigen. In Zusammenarbeit mit Katja Blomberg vom Berliner Haus am Waldsee hat er 20 Künstler eingeladen. Sie mussten mit einem Phantom umgehen, das jeder zu kennen glaubt, aber keiner gesehen hat. Es gilt als eines der Schlüsselwerke des Expressionismus. Das ist die kunsthistorische Seite. Zugleich ist es wie die meisten Werke von Marc unglaublich populär. Da es von 1919 bis 1937 in der Berliner Nationalgalerie hing, 1913 im oberbayerischen Sindelsdorf geschaffen und nach Marcs Tod in der Münchner Secession-Gedenkausstellung 1919 präsentiert wurde, lag ein preußisch-bayerisches Duett nahe.

Eine alte Postkarte gibt eine Idee vom Gemälde

Wir in München haben allerdings einen Vorteil: Wir besitzen den „Turm der blauen Pferde“. Diesen Star hat Hering denn auch genüsslich inszeniert. Auf einer großen, zitronengelben Wand hängt das postkartenkleine Bild. Die Gouache schickte Franz Marc 1913 an seine Seelenverwandte, an die Dichterin Else Lasker-Schüler, die er mit seiner Frau Maria in Berlin besuchen wollte. Klitzewinzig hat er bereits auf diese Gouache den Titel „Der Turm der blauen Pferde“ notiert, den dann das Ölgemälde bekam. Die Minipferde sind noch weich und werden von Mond und Sternen umspielt, ganz Lasker-Schüler und ihrem Hang zum Märchenhaften entsprechend. Die Komposition einer hoch gestaffelten Gruppe hatte Marc länger beschäftigt. Mit verschiedenen Motiven spielte er sie durch. Die Faszination funktionierte, selbst bei den Zeitgenossen.

Erst die Nazis verfemten die Arbeiten als „entartet“. Das Großformat konnte nach Bürgerprotesten aus der Schandausstellung „Entartete Kunst“ in der Hofgartengalerie gerettet werden (1937). Es landete bei Hermann Göring. Die Karte und anderes tauschte das Sammlerehepaar Fohn gegen Kunst aus dem 19. Jahrhundert ein. 1945 soll das verschollene Hauptwerk noch gesehen worden sein. Zuverlässige Zeugen seien laut Katja Blomberg der ehemalige Reichskunstwart der Weimarer Republik und ein Bauhausmeister. Den Zeugen, der das Bild noch 1948/49 erkannt haben will, hält sie für nicht so glaubwürdig.

Das verschollene Gemälde inspiriert heutige Künstler

Wie dem auch sei, der große „Turm der blauen Pferde“ ist seit Kriegsende verschollen. Das setzt die Fantasie vieler der heutigen Marc-Kollegen in Gang. Slawomir Elsner lässt das Bild in einer Wolke aus Myriaden von Farbstiftstrichen heraufdämmern. Jana Gunstheimer trauert mittels einer schwarzen, ausgerahmten Leinwand. Dierk Schmidt baut eine Wandinstallation. Bemalte Spiegelchen erzählen von einem Archiv; und daneben erahnt man den „Turm“ in zwei Abklatschversionen – dann bleibt die Fläche weiß, leer. Auch Almut Hilf pocht auf die Leerstelle. Ihr Pigmentdruck-Triptychon verschachtelt kubistische Räume. Sie sollen an die Zimmer erinnern, in denen „Der Turm der blauen Pferde“ hing. Wenig geglückt sind die Versuche, direkt auf das Bild zu reagieren. Nur Viktoria Binschtok schafft es, indem sie fotografisch den Museumsladen-Schnickschnack verzeichnet, der sich mit dem Marc-Mythos schmückt.

Staatliche Graphische Sammlung München, bis 5. Juni, Di.-So. 10-18 Uhr; Telefon 089/ 23 80 53 60; Katalog, Verlag W. König: 24,80 Euro.

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