„Wir Männer sind arme Teufel“: Michael von Au als Liliom mit Anne Schäfer als Julie. foto: rabanus

Franz Molnárs „Liliom“ mit Michael von Au im Resi

München - Feinsinnig und etwas zäh war Franz Molnárs „Liliom“ mit Michael von Au im Münchner Residenztheater. Die Premierenkritik.

Die Besetzung

Regie: Florian Boesch. Ausstattung: Dorothee Curio. Musik: Martin Schütz. Darsteller: Michael von Au (Liliom), Anne Schäfer (Julie), Katharina Hauter (Marie), Dirk Ossig ( Ficsur), Beatrix Doderer (Frau Muskat), Dennis Herrmann (Wolf/Linzmann), Peter Albers (Polizist), Sophie Köster (Luise), Martin Laue (Drechsler).

Das Ringelspiel im Budapester Stadtwäldchen ist im Münchner Residenztheater eine Drehbühne, am Rand mit Dekoglühbirnen bestückt. Darauf drehen sich von den 50er- bis zu den 70er-Jahren zusammengestopselte Möbel, die ein leicht räudiges Tanzcafé gemütlich machen sollen. Besitzerin Muskat bringt mit ein bisschen Kunstnebel Stimmung in die Bude, und ihr Angesteller, ein Stenz im braun schillernden Anzug und mit Langhaar Marke Vokuhila (vorn kurz hinten lang), testet das Mikro (Ausstattung: Dorothee Curio). Franz Molnárs Liebes- und Dickschädel-Tragikomödie „Liliom“, übersetzt von Alfred Polgar, hatte am Freitagabend am Bayerischen Staatsschauspiel Premiere (knapp zwei Stunden).

Mit diesem Bühnenbild ist schon klar, dass Liliom, der für Frau Muskat arbeitet, nun nicht mehr in die Schublade Karussellausrufer-Macho mit Marlon-Brando-Sexappeal gehört. Und die Besetzung mit Michael von Au unterstreicht das. Regisseur Florian Boesch nutzt darüber hinaus das charmante Sangeskönnen des Schauspielers, der damit ja auch Soloprogramme bestreitet.

Die Handlung

Liliom, ein Karussell-Ausrufer auf dem Rummelplatz verliebt sich in das Dienstmädchen Julie. Er verliert seinen Job, denn seine Chefin, Frau Muskat, ist eifersüchtig. Auch Julie ist nun stellungslos. Sie hausen notdürftig in einer Hütte in der Nähe des Rummels. Liliom will keine andere Arbeit annehmen. Die Lage spitzt sich zu, als Julie schwanger wird. Liliom, der immer aggressiver wird, lässt sich von dem Gauner Ficsur zu einem Raubüberfall überreden. Der scheitert. Liliom ersticht sich. Im Himmel bekommt er die Chance, auf Erden wieder etwas gutzumachen. Liliom darf zu Julie und seiner Tochter, aber er zeigt sich wieder verstockt.

So schmalzt von Au zwischen den auf der Tanzfläche wuselnden Paaren, unter denen schon alle Figuren des Stücks sind, von „wir Männer sind arme Teufel“ (stimmt) und „wir lieben euch und beweisen es still und heimlich“ (stimmt nicht). Die Rummelplatzatmosphäre wird nur noch – wie das Stadtwäldchen in der Wandmalerei – zitiert in dem lässig-verruchten Schlari-Tonfall, den wir von den Fahrgeschäft-Ausrufern am Oktoberfest kennen. Boesch inszeniert/ choreographiert diesen Reigen sehr feinsinnig und ein wenig wie das Spiel „Reise nach Jerusalem“: Nicht alle finden ihren Platz, ihren Partner. Manche wollen auch allein bleiben, wie Ficsur, der Räuber (Dirk Ossig), oder der Polizist auf Erden und im Himmel (Peter Albers). Auf keinen Fall alleinbleiben will Frau Muskat (Beatrix Doderer), die zur Furie wird, als sie merkt, wie Julie (Anne Schäfer) Liliom vor Verliebtheit strahlend ins Anbandl-Visier nimmt. Doderer erweist sich allerdings in dieser Glanzrolle als Ausfall. Sie ist in allem zu zahm, zu unentschieden – als Geschäftsfrau, als Liebende, Eifersüchtige, Lockende und später als Mitleidige. Der Regisseur scheint ihr da auch nicht beigesprungen zu sein. Damit gibt es in dieser Inszenierung neben ein paar zähen Stellen ein massives Ungleichgewicht, denn so hat weder Julie eine gefährliche Rivalin, noch Liliom eine gefährliche Verführerin.

Den Verführer (zum Raubmord) gibt stattdessen Dirk Ossig als Ficsur, gewissermaßen ein Mephisto für kleine Leute. Um ihn aufzuwerten, bekommt er von Boesch einen Gala-Auftritt als Moderator und zugleich Teilnehmer einer Casting-Show. Ossig, noch etwas premierenverspannt, hat das billige Entertainer-Getue genauso gut drauf wie einen trockenen Gangster-Witz. Diese Show ist durchaus kein aufgepapptes Element der Inszenierung, sie schildert vielmehr albtraumhaft Lilioms Angst vor der Blamage: hier als Sänger. Als Ernährer für Julie und ihr Kind, also lässt er sich auf ein Verbrechen ein. Und als harter Hund, deswegen mag der Dickschädel ihr seine Liebe nicht gestehen und bockt nachhaltig als Resozialisierungsfall nach seinem Tod im Himmel.

Michael von Au spielt hingebungsvoll diesen schwachen Mann in all seinen Facetten vom pampigen Angeber über den pseudoüberlegenen Kerl zum Künstler-Träumer, vom faulen Sack über den schlotternden Angsthasen bis zum todwunden Kindmann. Im Himmel hat Au/ Liliom noch ein Solo unter Diskokugel und zwischen himbeerroten Glitzerwänden (übrigens die dritte Wand-Schale des Bühnenbilds). Nochmal besingt er sein Leben, bevor ihn die Himmlischen erneut auf seine Verantwortung stoßen.

Anne Schäfer macht als Julie ganz klar, dass sie sich diesen Mann ausgesucht und genommen hat. Sie, die Unschuld, der Franz Molnár (Budapest 1878 bis New York 1952) genauso wie ihrer Freundin Marie Sätze von wunderherrlicher Naivität in den Mund gelegt hat, ist die starke Frau. Wärme und Zärtlichkeit gibt Schäfer ihrer Figur, die tiefe Innigkeit muss sich die Schauspielerin erst erarbeiten. Zusammen mit Marie (stark und wandlungsfähig: Katharina Hauter) gelingen lebenstraurig-lustige Frauengespräche und zusammen mit Wolf (Dennis Herrmann von bieder bis skurril) blitzschnelle Einblicke ins Eheglück und Ehe-Elend. Freundlicher Applaus.

Von Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

heute, 26.3., 3., 8. und 11.4.;

Tel. 089/ 2185-1940.

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