Das ist doch Mäusegepiepse

Franz Welser-Möst über falsch verstandene Aufführungspraxis und den Ausverkauf der Klassik

München - Zwei Jahre noch, dann sitzt Franz Welser-Möst an einer der wichtigsten Schaltstellen des Musikbetriebs. Dann nämlich wird der gebürtige Linzer Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper. Zugleich ist der 48-Jährige noch Chef des Cleveland Orchestra. Beim Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks war der viel Umworbene in den vergangenen Jahren häufig zu erleben. Heute und morgen dirigiert Welser-Möst das Ensemble im Herkulessaal. Auf dem Programm: Henzes erste Symphonie sowie Mozarts Prager Symphonie und sein Klavierkonzert KV 482. Solistin ist Gitti Pirner.

Was hat Henze eigentlich mit Mozart zu tun?

Das sind einfach drei gute Stücke. Zum Thema Moderne: Jeder schmückt sich ständig mit neuen Werken und heftet sich eine Medaille mit dem Schriftzug „Uraufführung“ ans Revers. Ich finde, Musik sollte man spielen, wenn sie gut ist. Henze ist ein solcher Gigant, da lohnt sich die Beschäftigung mit seinen frühen Symphonien sehr.

Es ist selten geworden, dass man ein Mozart-Opus an den Schluss des Konzerts setzt.

Leider. Unsere Gleise sind ja manchmal furchtbar eingefahren. Im zweiten Teil muss immer das große, effektvolle Besetzungsmonster her. Mozarts Prager Symphonie ist fantastisch. Wie ein Komponist mit so wenig Material so unglaublich viel sagt, das kann man nur bestaunen.

Muss man für die Symphonieorchester die Wiener Klassik zurückerobern? Weil sie an die Spezialensembles verlorenging?

Ja. Aber auch die Dirigenten müssen das bei Klassik und Barock tun. Ich habe mit dem London Philharmonic eine Matthäus-Passion vor 3000 Zuhörern gemacht. Warum nicht? Ich muss doch die Besetzung dem Raum anpassen. Beethovens Missa Solemnis habe ich in der riesigen Royal Albert Hall mit Alten Instrumenten gehört. Das ist doch Mäusegepiepse. Ob das Herr Beethoven so wollte? Geht’s also um das Ziel des Komponisten oder um Dogmatik?

Aber die Dogmatik hat sich doch überlebt.

Gottlob. Wir haben lange darum gekämpft. Harnoncourt war der Erste, der sagte: In 40 Jahren lachen die Leute über meine Interpretationen. Auch diese sind Veränderungen unterworfen. Da steckt ja auch ein philosophischer Anspruch dahinter: Nicht nur wir müssen uns am Kunstwerk beweisen, sondern auch das Werk muss sich in jeder Zeit neu beweisen.

Die öffentliche Wahrnehmung hat sich allerdings weg vom Werk auf die Interpretation verlagert, weil dauernd dieselben Stücke aufgeführt werden.

Ist das so? Gut, wie in der Wirtschaft ist auch der Kulturapparat ein wahnsinnig aufgeblasenes Ding geworden, das bedient werden will. Wir beim Cleveland Orchestra handeln nach einem Prinzip: Zuerst kommt das Produkt, dann verpackt man’s, dann verkauft man’s. Und so begeistern wir auch die Leute mit noch nie Gehörtem. Wenn man sich nun diese grässliche ZDF-Veranstaltung wie den Echo-Klassik-Preis anschaut: Da wird dieses Prinzip auf den Kopf gestellt. Das ist Ausverkauf!

Aber es gibt unterschiedliche Musikbiotope. In Cleveland sind Sie Platzhirsch und können machen, was Sie wollen.

Natürlich. Mit geht’s aber schlicht um eine Einstellungsfrage, um eine künstlerische Überzeugung. Henze ist tolle Musik. Punkt. Und so müssen wir sie auch behandeln. Mir ist schon klar, dass ich in die Wiener Staatsoper nicht hineinmarschieren kann, um nur Stücke des 21. Jahrhunderts zu dirigieren. Also muss ich mich an den örtlichen Verhältnissen orientieren.

Sie glauben also nicht ans gerade so extreme Starwesen?

Es ist selbstverständlich ein Wechselspiel. Wenn Frau Netrebko, im Übrigen eine wunderbare Sängerin, eine Uraufführung singen würde, wäre die Bude voll. Mich stört nur dieses verkaufen, verkaufen, verkaufen. Irgendwann merken die Leute, dass ihnen ein X für ein U vorgemacht wird. Und da haben wir die echte Parallele zur aktuellen Wirtschaft! Um noch einmal philosophisch zu werden: Die Mathematik hat die arabische Kultur überlebt, das römische Recht das römische Reich und die Philosophie das antike Griechenland. Die klassische Musik wird auch die jetzige Situation überleben – ein Beethoven und Mozart bleiben immer brennend aktuell.

Auffallend ist ja, dass Mozart ein Komponist ist, der sich nie missbrauchen lässt – im Gegensatz zu manchen Festaufführungen von Beethovens „Fidelio“ oder der Neunten.

Ich bin ein gläubiger Mensch. Und ich glaube auch an ein besonderes spirituelles Element bei Mozart. Beethoven sagt „Ich will, und ich mache“. Mozart nie. Der schreibt auch genau denselben Akkord wie Salieri, und trotzdem klingt er anders. Ich kann das nicht rational erklären, sondern mich nur auf den Punkt zurückziehen: Da ist etwas, was über meinen Verstand hinausgeht. Und je älter ich werde, desto berührender und furchterregender finde ich das.

Und wie kann man all diese Gedanken im täglichen Musikbetrieb realisieren?

Nur wenn man eine schöne Beziehung mit einem Orchester hat. Und wenn man mit dem dauernden Gastdirigieren aufhört. Meine beiden Standbeine sind Cleveland und Wien. So etwas wie jetzt in München dosiere ich sehr vorsichtig.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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