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„Wo ich bin, ist immer Bayern“, sagt Franz Xaver Kroetz. Der Schriftsteller und Schauspieler lebt im Chiemgau und auf Teneriffa, wo er am Freitag 65. Geburtstag feiert.

Franz Xaver Kroetz: „Altern ist ein Massaker"

München - Seinen 65. Geburtstag an diesem Freitag feiert der Schriftsteller und Schauspieler Franz Xaver Kroetz auf Teneriffa. Längst ist die spanische Insel für den gebürtigen Münchner zur zweiten Heimat geworden.

Dieses Gespräch entstand daher schriftlich, via E-Mail. Nach kurzem Zögern hatte sich Kroetz dazu bereit erklärt, mit den Worten: „Einerseits - als Schreiber - schreib ich ganz gern das, was ich sagen will, selber hin. Andererseits müssen die Fragen witzig UND klug sein, sonst fällt mir nix ein. Sie könnens also probieren.“ Eine solche Herausforderung mussten wir einfach annehmen.

-Als Ex-Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei: Wie fühlt es sich an, dem Münchner Merkur ein Interview zu geben, der ja in manchen Kreisen den Ruf hat, besonders konservativ zu sein?

Da ich vor 39 Jahren in die DKP ein- und vor 31 Jahren ausgetreten bin, hatte ich genug Zeit, mich auch an den Münchner Merkur zu gewöhnen. Und grosso modo hat der MM mich und mein Werk in den letzten 40 Jahren nicht schlechter beurteilt als andere - gerade auch linke - Medien.

-Sie verbringen viel Zeit auf Teneriffa. Wie bayerisch ist die Insel - und wie bayerisch ist Bayern heute noch?

Der Norden Teneriffas, wo ich lebe, ist spanisch, katholisch, provinziell, eng, strukturell postfeudal. Wen das an Bayern erinnert, der ist selber schuld. Andererseits: Wo ich bin, ist immer Bayern. Dort hab ich das Glück, im Chiemgau zu wohnen. Wenn dieses herrliche Stück Bayern ein bissl weiter südlich läge, brächten mich keine zehn Pferde weg. Aber der Winter und das Asthma treiben mich nach Teneriffa. Da tröste ich mich mit Karl Valentin, der sagt: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“

-Kurz vor Ihrem 65. Geburtstag: Lässt das Alter einen Menschen spießig werden?

Spießig ist eine Haltung, mit der ich nichts zu tun hatte, mein ganzes Leben lang. Sogar die DDR, an der ich ein paar gute Haare lasse, hat mich mit ihrem verlogen-spießigen Realsozialismus zur Weißglut gebracht. Spießig(er) im Alter? Glaub ich nicht, das Altern ist doch, genau besehen, ein Massaker, in dem man die Hauptrolle spielen muss. Da wird man nicht spießig, sondern egoistisch. Shaw sagt: „Alte Männer sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft gänzlich gleich.“

-Von Ihnen kursiert die Anekdote, dass Sie einmal nach dem Mittagessen mit der Familie gesagt haben sollen: „Wer im Lexikon steht, muss keinen Abwasch machen.“ Welche weiteren Vorteile hat es, bekannt zu sein?

Das stimmt so nicht. Meine Frau und ich waren zu „Boulevard Bio“ nach Köln eingeladen. Zuhause war ein Berg schmutziges Geschirr, das unser harrte. Da sagte ich spontan in der Sendung: „Wer im Lexikon steht, muss nicht abwaschen.“ War nicht (ganz) ernst gemeint. Welche Vorteile hat es noch? Man kriegt das Bundesverdienstkreuz. Beim Autokauf 30 Prozent. Freikarten für den von mir so geliebten Circus Krone. Fast jeder, der einen erkennt, freut sich. Und drum freut man sich, wenn man erkannt wird. Man steht in der Zeitung. Das stärkt das Selbstbewusstsein, sogar dann, wenn die Zeitung schlecht über einen schreibt...

-„Schreiben ist Leiden“, lautet ein weiteres Zitat von Ihnen: Sie haben dennoch um die 60 Stücke geschrieben, dazu Prosa und Gedichte. Was wird Bestand haben?

Joseph Conrad hat es wunderbar formuliert: „Dichten heißt, im Scheitern das Sein erfahren.“ Drum hab ich wohl so viel geschrieben, trotz des Leidens daran. Was bleibt: Temporär: Ein paar Brocken in den Schulbüchern und ein paar Stücke, die man noch spielen wird, wenn die, die heute einen Bogen um mein Werk machen, keinen Grabstein mehr haben. Empirisch gesehen: nichts.

-Kann Literatur die Menschen besser machen?

Den Plan Verbesserung der Menschheit durch Dichtung habe ich ad acta gelegt. Je älter ich werde, umso mehr muss ich mich gegen folgenden Gedanken wehren: Hätte ich mit meinem Leben nicht etwas für die Menschheit Sinnvolles anfangen können? Kinderarzt werden, zum Beispiel. Zugegeben: Das ist ein dämlicher Gedanke für einen alternden Dichter, aber ich hab ihn.

-Die Kroetz-Rezeption auf deutschen Bühnen hat nachgelassen. Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe dafür?

Das liegt daran, dass meine Stücke in Deutschland kaum noch gespielt werden. Die letzten Uraufführungen von Kroetz-Stücken fanden in französischer Sprache statt: in Frankreich und in Belgien. Warum spielt das deutsche Theater - und natürlich richtet sich die Frage genauso an das Fernsehen und den Rundfunk - kaum noch Kroetz? Meine besten Stücke sind politisch, kritisch, schrecklich, deutsch. Das passt wohl grade nicht nach good old Germany.

-Wenn Sie alle Rollen, die man Ihnen im Lauf Ihres Leben angeboten hat, angenommen hätten, wären Sie vermutlich reicher geworden, als man es je als Dramatiker werden kann. Trauern Sie verpassten Chancen hinterher?

Ja, dann wär ich reich. Als Schauspieler verdiene ich zehnmal mehr denn als Schriftsteller. Trotzdem hab ich wohl 80 Prozent meines Lebens „verschrieben“ und nur 20 Prozent „verspielt“. Die meisten Dichter können ja nur dichten, also bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als der Dichtung treu zu bleiben. Ich hatte mehrere und sehr verlockende Möglichkeiten; dass ich trotzdem so viel - und seit 20 Jahren immer erfolgloser - geschrieben hab, ist doch eine Riesenleistung und kein Grund zur Trauer.

-Gibt es Momente, in denen der Schriftsteller Kroetz neidisch ist auf die Berühmtheit des Klatschreporters Schimmerlos, jener Figur aus der Fernsehserie „Kir Royal“, die Sie einem großen Publikum bekannt gemacht hat?

Wer kennt Thomas Gottschalk und wer Georg Büchner? Jedenfalls, das hat er mir versichert, kennt Thomas Gottschalk den Georg Büchner. Wenigstens etwas! Ich will damit sagen: Das kann man nicht vergleichen, das sind verschiedene Baustellen. Mich stört der „Schimmerlos“ nicht. Gerade mein Erfolg als Schauspieler erlaubt mir, den Dichter Kroetz so zu alimentieren, dass dieser ohne finanzielle Not schreiben kann. Sonst hätte es am Ende noch geheißen: Nobelpreis für Elfriede Jelinek und Hartz IV für Franz Xaver Kroetz.

-Wie würden Sie die Artikel zu Ihrem 65. Geburtstag überschreiben?

Vom Winde verweht...

-Sie wollten bei diesem Interview nur mitmachen, wenn die Fragen „witzig UND klug“ sind. Zufrieden?

Más o menos. Vor allem hats viel Mühe gemacht. Schriftlich ist viel schwerer als quatschen. Der Münchner Merkur schuldet mir ein Geburtstagsgeschenk. Wie wärs mit ein paar Flaschen bestem Rotwein?! Ich trinke noch immer gern...

Mit Franz Xaver Kroetz

korrespondierte Michael Schleicher.

Anmerkung der Redaktion: Der Rotwein, Herr Kroetz, geht in Ordnung - über die Preisklasse sollten wir freilich dann persönlich reden.

FX Kroetz im Fernsehen:

Aus Anlass des 65. Geburtstages von Franz Xaver Kroetz zeigt Arte an diesem Sonntag, 27. Februar, um 16.30 Uhr die Doku „Mein Leben - Franz Xaver Kroetz“.

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