Die Frau, die Guggenheim schuf

- Als Solomon R. Guggenheim 1949 starb, wurde Hilla von Rebay mehr und mehr verdrängt: Damit wurde sie als Initiatorin und Gründungssammlerin des berühmten New Yorker Guggenheim-Museums, zu dem sie "Guggi" einst bei Porträtsitzungen angestachelt hatte, dem Vergessen preisgegeben. Obwohl die Malerin, die 1890 in Straßburg - Papa war preußischer Offizier - geboren wurde und 1967 in New Hampshire starb, Entscheidendes für das Haus und sogar für die Architektur von Frank Lloyd Wright geleistet hatte. Von Rebays Neffe Roland, der in Weßling ansässig ist, kam auf Brigitte Salmen, Chefin des Murnauer Schlossmuseums, zu mit dem Wunsch, Hilla zu "rehabilitieren". Für die überseeische Aktion mit dem Guggenheim-Museum und der "Hilla von Rebay Foundation" suchte Salmen Hilfe bei der Direktorin der Münchner Villa Stuck, Jo-Anne Bernie Danzker. So ist die Murnauer, Münchner und New Yorker Schau "Art of Tomorrow - Hilla von Rebay und Salomon R. Guggenheim" entstanden.

Ungegenständliche Kunst

Im Schlossmuseum werden Hillas Anfänge, ihre deutschen Jahre, präsentiert. Die junge Dame aus dem Hause Rebay von Ehrenwiesen studierte in Paris und München. Eine Serie von gekonnten Porträts zeigen ihre Auseinandersetzung mit Realismus, Spätimpressionismus und Jugendstil. Frühe Gemälde sind verschollen, aber Zeichnungen und Aquarelle, inspiriert vom Tanz, erzählen von visueller Suche, von Aufbruch. Die Avantgarde in Berlin und dann vor allem Hans Arp machten der Künstlerin Mut. In Murnau sind kraftvolle ungegenständliche Gemälde zu bestaunen, zunächst Wassily Kandinsky rezipierend, dann Pflanzenformen in komplexe Bildgeflechte umsetzend.

Eine wirkliche Überraschung aber sind Hilla von Rebays Aquarell-Collagen. Nicht groß vom Format her, groß jedoch durch ihr inneres Format. Die Malerin kombinierte zum Teil allerkleinste Schnipsel, die zu leichten, fröhlich sprühenden oder geheimnisvoll zauberischen Gebilden arrangiert wurden, mit Wasserfarben-Schattierungen und -Formen. Die unterschiedlichen Materialitäten ergeben eine Tiefenstaffelung, ein besonderes Spiel von Körperhaftigkeit und -losigkeit. Gerade das war für die Berliner Gruppe "Die Krater, das Hochamt der Kunst" um von Rebay, Otto Nebel und Rudolf Bauer entscheidend, denn sie zelebrierten die gegenstandslose Kunst. Von hier führt der Weg zum "Museum of Non-Objectiv Painting" und zum Guggenheim-Museum (ab 1959).

In der Münchner Villa Stuck wird Hillas Geschichte weitererzählt. Dennoch sind beide Präsentationen, ergänzt um Briefe, Dokumente und Werke von Künstlerkollegen, durchaus in sich abgerundet. In München versuchte man, Rebays Ausstellung "Art of Tomorrow" teilweise zu rekonstruieren mit Gemälden ihres Liebhabers Rudolf Bauer, von Kandinsky, Léger, Gris, Vordemberge-Gildewart, aber auch von heute fast Unbekannten wie Otto Nebel, Maria Helena Vieira da Silva oder Ben Nicholson. Damit wurde das "Museum of Non-Objectiv Painting" 1939 eröffnet. 725 ungegenständliche Werke hatten Guggenheim und von Rebay bis dahin gesammelt. In der Villa Stuck geht ihr Engagement für den Spiral-Bau Wrights zwar unter, dafür ist die Retrospektive auf ihr Schaffen gelungen. Imponierend ihre abstrakten Gemälde, voller Esprit ihre figürlichen Collagen, aber mit ihren "Non-objectiv"-Collagen hat sie sich einen Platz in der Kunstgeschichte gesichert. Höchst unverständlich, dass diese ganz spezielle unmalerische Ausdrucksform so wenig gewürdigt wurde; insbesondere wenn man an die Scherenschnitte von Matisse denkt. Die Künstlerin hat einen Reichtum an visuellen Aussagen erreicht, der das vorgefundene Papier einerseits nutzt, es andererseits durch die Schnitte autark macht.

Der Lippenstift "Pink"

Schön in der Stuck-Villa ist, dass bewusst gemacht wird, wie sehr sich Hilla von Rebay nach Kriegsende für das hiesige Wissen um aktuelle Kunst und zugleich für die deutschen Künstler eingesetzt hat. Das waren nicht nur Hilfspakete für den Bauch, sondern auch solche für den Geist. So war zum Beispiel ihre Schau "Gegenstandslose Malerei in Amerika" 1948 in München zu sehen (Hertiehaus am Hauptbahnhof und '49 im Amerika-Haus). Auf diese Weise lernte sie die jungen Künstler um Rupprecht Geiger und Willi Baumeister kennen, die die Gruppe Zen 49 gründeten und sie zum Ehrenmitglied machten.

Die Kabinettschau "Stunde 0" führt jetzt die Gemälde von Geiger und Rebay aus der ersten Zen-Ausstellung wieder zusammen; lässt ahnen, was diese Frau für die deutsche Kunstszene bedeutet hat. Und ein Lippenstift. "Pink" aus einem ihrer Carepakete wurde für Geiger zum "Farberlebnis" in der grauen Schuttstadt. Eine Farbe, die ihn bis heute, bis in sein 97. Lebensjahr trägt.

Murnau: bis 15.1.2006, Di.-So. 10-17 Uhr, Tel. 088 41/ 47 62 07; Katalog: 25 Euro.

München: bis 15.1.2006, Mi.-So. 11-18 Uhr, Tel. 089/ 45 55 51 0; Katalog: 28,50 Euro.

Deutsche Guggenheim, Berlin: 13.5.-30.7.06.

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