Die Frau hinter dem Tiffany-Glas

München - Die Villa Stuck zeigt Lampen aus der New Yorker Jugendstil-Schmiede.

Louis C. Tiffany (1848-1933) gilt bis heute als einer der bedeutendsten Vertreter des Jugendstils in den USA. Berühmt haben ihn feine, bunte Glasmosaike gemacht, die er etwa zu Lampenschirmen oder Fenstern geformt hat. Dass er insbesondere die sündteuren Bleiglasschirme nicht selbst entworfen hat, zeigt die Ausstellung „Tiffany in neuem Licht – Clara Driscoll und die Tiffany Girls“.

Zu sehen sind über 60 Objekte aus den „Tiffany Studios“, darunter zahlreiche Lampen, Emaille-Arbeiten und „fancy goods“ (Geschenkartikel) wie Kerzenhalter oder Teeschirme. Vor allem aber würdigen die Kuratoren Martin Eidelberg, Nina Gray und Margaret K. Hofer den herausragenden Beitrag von Clara Driscoll (1861-1944), der langjährigen Leiterin der Frauenabteilung bei der „Tiffany Glass and Decorating Company“ in New York: Sie hat alle naturnahen Motive auf den Tiffany-Lampen entworfen.

Die Erkenntnis beruht auf Briefen Driscolls, die Kunsthistoriker 2005 in zwei Archiven entdeckt haben. Darin beschreibt sie diverse Entwürfe so detailliert, dass sie heute als Urheberin gesehen werden muss. Tiffany dürfe man zwar weiterhin als künstlerisches Genie sehen, sagt Kurator Eidelberg, aber ein klein wenig müsse die Geschichte umgeschrieben werden. Tiffany und Driscoll, so die neue Lesart, waren ein eingespieltes Team. „Sie hat immer gewusst, was er wollte, welche Vision er von Natur und Farben hatte“, erklärt Eidelberg. „Darum hat er ihre künstlerische Arbeit stets unterstützt, wenn die Manager ihr gesagt haben, ein Entwurf sei zu teuer für die Produktion.“

Bis zu 500 Dollar haben die Lampen „Dragonfly“ (Libelle) oder „Wisteria“ (Glyzinie) um 1900 gekostet – zehn Monatsmieten für Menschen wie Driscoll. Schon damals waren sie Luxusgüter. Heute sind einzelne Exemplare bis zu einer Million Dollar wert.

Dabei haben die Lampen keine wirkliche Funktion. Als Leselampen sind sie nicht zu gebrauchen, da das Glas zu dick ist. Selbst sechs 25-Watt-Birnen bringen höchstens die Farben zum Erleuchten. Und genauso soll es ja auch sein. Beeindruckend sind vor allem die filigranen Muster, die Driscoll und ihre 35 „Tiffany-Girls“ geschaffen haben. Die Spinnennetze aus Messing etwa, die sie auf das Glas gelötet haben, in die Zweige des Apfelbaumes, an den das Objekt „Cobweb“ erinnert. Einfach grandios auch die Farben- und die Texturvielfalt des Glases: von hell bis dunkel, bleich bis kräftig, durchsichtig bis trüb.

Über das Gestalterische hinaus wirft die Ausstellung einen Blick auf die sozialen Verhältnisse aus der Zeit der Jahrhundertwende. So hatte Tiffany Frauen und Männer voneinander getrennt – in dem Glauben, Frauen seien die besseren Designer, Männer die besseren Handwerker.

Thierry Backes

Bis 17. Januar 2010, Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 11-18 Uhr; Katalog: 19,95 Euro; Infos unter Telefon 089 / 455 55 10.

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