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Mittelpunktsfigur: Evelyn Herlitzius in der Partie der Färberin.

„Frau ohne Schatten“: Premierenkritik

Salzburg - Mindestens drei Meter lang war die Schleppe, gold und blau schimmerten darauf die Stickarbeiten. Und über dem weiß geschminkten Gesicht erhoben sich Zacken eines mächtigen Kopfputzes: Medusa-Schlangen, zu Gold und Perlen geworden.

Die Besucher des Münchner Nationaltheaters, so konfrontiert mit all den prächtig ausstaffierten Sängern und ihren rituellen Gebärden, wähnten sich nach Fernost katapultiert. Fast zwanzig Jahre ist das her, und die Inszenierung von Ennosuke Ichikawa führte gleichzeitig vor: Dem monströsen Sagenwunderpsychogebräu der „Frau ohne Schatten“ ist kaum beizukommen. Ichikawa bot damals ein opulentes Wunder-Japan. Eine Kostüm-Schau – und eine Flucht ins Ästhetische. Denn das Problem ist: Wer die Anweisungen von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal wortgetreu abbilden will, der braucht einen George Lucas, mindestens einen Steven Spielberg. Sehen will man das auf der Bühne kaum, bezahlen kann man es noch viel weniger. Eine Alternative also?

Die Besetzung

Dirigent: Christian Thielemann.

Regie: Christof Loy.

Bühne: Johannes Leiacker.

Kostüme: Ursula Renzenbrink.

Chöre: Thomas Lang.

Darsteller: Stephen Gould (Kaiser), Anne Schwanewilms (Kaiserin), Michaela Schuster (Amme), Wolfgang Koch (Färber), Evelyn Herlitzius (Färberin), Markus Brück (Einäugiger), Steven Humes (Einarmiger), Andreas Conrad (Buckliger), Thomas Johannes Mayer (Geisterbote), Rachel Frenkel (Falke) u.a.

Man inszeniert das Stück einfach nicht, so wie jetzt Christof Loy bei den Salzburger Festspielen. Der erzählt im Großen Festspielhaus eine ganz andere Geschichte. Von Sängern, die sich in den prachtvollen Wiener Sofiensälen zur Aufnahmesitzung der Strauss-Oper treffen. Kalt ist es hier, ungemütlich, so kurz nach dem Krieg wird Heizmaterial für Wichtigeres gebraucht. Eine Mezzo-Diva stöckelt umher, selbstbewusst, durchtrieben und zickig. Eine Sopranistin ist dabei, scheu, fahrig, in sich gekehrt. Und eine andere Kollegin, anfangs zurückhaltend, dann aufbrausend, sich selbst vergessend, wild und ungezähmt nach Liebe suchend. Loy greift zum alten Brecht’schen Verfremdungstrick mit Erhellungsgarantie – und will mehr: eine Entkleidung der „Frau ohne Schatten“, eine Bloßstellung, eine Reduzierung des komplexen, kaum fassbaren Stücks auf seine Kraftfelder.

Anfangs ist das natürlich eine Zumutung für all diejenigen, die eine Opernaufführung erwarten: In Johannes Leiackers penibel nachgebildetem Schauplatz und Ursula Renzenbrinks Fünfzigerjahre-Kostümen, alles eine Wonne fürs Auge, bleibt es beim Stillstand vor den Mikros. Ein gespieltes Konzert, umwuselt von stummen Bediensteten wie der Getränkefrau und dem Aufnahmeleiter. Und dennoch: Loy hält die Spannung. Weil sich die Figuren aus der strengen Ausgangssituation lösen, weil plötzlich ihre kleinen Geschichten und Krisen spürbar werden.

Die Handlung

Kaiser und Kaiserin herrschen über ein Traumland. Seit ihrer Heirat kann die Kaiserin sich nicht mehr in ein Tier verwandeln, aber sie gehört auch nicht zu den Menschen, denn sie wirft keinen Schatten. Sollte ihr das nicht gelingen, wird der Kaiser zu Stein. Mit Hilfe der Amme will die Kaiserin den Schatten der Färberin gewinnen. Sie soll diesen und die ungeborenen Kinder gegen Reichtum abgeben. Die Konflikte der beiden Paare lösen sich: Die Kaiserin empfindet Mitleid mit den Menschen und verzichtet auf den Schatten. Der Bann des Kaisers ist gelöst.

Zwischen der verdrucksten Frau (Kaiserin) und dem Herrn Kammersänger (Kaiser) kommt es zur scheuen Annäherung, obgleich dies Madame Diva (Amme) bös durchkreuzt. Und am bieder-einfältigen Gebrauchsbariton (Färber) kann sich sein phonstarkes Gegenüber (Färberin) noch so abarbeiten: Die Beziehung ist kaputt. Dank Loys Feinjustierungen, dank seiner minutiösen, wie beiläufig wirkenden Figurenchoreographie wird man vom Nicht-Spiel gebannt. Am stärksten im Mittelakt, wenn sich das Geschehen tödlich zuspitzt und die Färberin als „Elektra“-Zitat zum Beil greift. Doch all dies, auch der bemühte Schlussgag mit Sängerknaben und Weihnachtsbaum, offenbart nur eines: Auch Christof Loy bekommt das Stück nicht in den Griff.

Sein Sofiensaal-Einfall ist kaum stücktragend – und letztlich nicht zwingend. Jede andere Oper, vom „Fidelio“ bis zum „Ring“, hätte man so anpacken können. Eine gescheiterte Inszenierung also, dies allerdings auf sehr hohem Niveau. Und in ihre Leerstellen kann einer ungezügelt eindringen, der in Salzburg sein Operndebüt feiert: Christian Thielemann. Grell und hell klingen die Wiener Philharmoniker unter ihm, brillant, entfesselt und überscharf profiliert. Und manchmal so laut, dass man um Karajans Festspieltempel fürchtet. Die Partitur wird da auf imponierende Weise filetiert, dabei jede Instrumentengruppe kundig emanzipiert. Und wenn’s zum Solo kommt, dann spielt etwa der Konzertmeister so selbstbewusst, dass im Überdruck die Intonation gefährdet ist.

Umso schöner die spinnwebfeinen Solo-Szenen von Kaiser und Kaiserin. Da bieten die Wiener unter Thielemann einen Klangzauber, unvergleichlich und entrückt, wie es wahrscheinlich nur diesen Herrschaften gelingt. Ansonsten müssen die Solisten kämpfen. Michaela Schuster ist ein herrlich extrovertiertes Amme-Biest, das freilich in der Mittellage kaum zu hören ist. Der dunkle Heldenstrahl von Stephen Gould steht dem Kaiser ausnehmend gut, Ähnliches gelingt dem kernig singenden Wolfgang Koch als Barak, der die Gebrochenheit dieses zarten Bullen entdeckt. Anne Schwanewilms erweist sich im Melodram als eindrückliche Sprecherin, kleidet die Kaiserin in schattigen, schleierzarten Sopranklang, zeigt sich dabei von Thielemanns Dezibelschlacht ungerührt. Evelyn Herlitzius dagegen fühlt sich herausgefordert: Ihre Färberin, mädchenhaft-kühl und vor allem höchstdramatisch herausgeschleudert, wird zur Mittelpunktsfigur. Erwartungsgemäß ging auf Loy ein Buh-Bravo-Sturm nieder, Thielemann wurde zum Sieger des Abends hochgejubelt. Noch scheint Letzterer hörbar an Bayreuths Grabendeckel gewöhnt. Zeit zur Nachbesserung bleibt ihm, dem Feuerwehrmann für Salzburgs Osterfestspiele, ja genug.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

1., 4., 11., 14.8., Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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