Die Frau aus dem Ostblock

- Der Ernst des Lebens geht wieder los. Von diesem Donnerstag an kann das Publikum der Münchner Kammerspiele wieder seinen Spaß haben. Die schauspiellose Sommerzeit ist vorbei, Prinz "Hamlet" eröffnet die Saison auf der Maximilianstraße. Und Intendant Frank Baumbauer ist guten Mutes - fürs bisherige Repertoire (am Samstag folgt "Winter", am Sonntag "Vor Sonnenaufgang", am Montag, 26. 9. "Kein schöner Land") sowie für die ersten Premieren: 7. Oktober "Draußen tobt die Dunkelziffer" von Kathrin Röggla im Werkraum, am 20. 10. "Schändet eure neoliberalen Biografien" von René Pollesch im Neuen Haus und am 22. 10. "Lulu live" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel im Schauspielhaus.

Hat der Ausgang der Bundestagswahl etwas mit dem Theater zu tun? Wird es Sie direkt oder indirekt beeinflussen?

Baumbauer: Es wird wohl so sein. Wir beobachten das Hauen und Stechen sehr genau. Jeder Shakespeare ist trocken Brot dagegen. Wir fanden das Klammern des Kanzlers an die Macht in der Sonntagabend-TV-Runde, dieses kurze Outing seines Wesens, ziemlich widerlich. Es ist spannend, was bei all dem für unsere Gesellschaft herauskommt. Und insofern ist diese Wahl letztlich schon Thema fürs Theater.

Was kann man als Theaterleiter daraus lernen?

Baumbauer: Ist es wirklich klug, vor der Wahl alles zu sagen?

Ein Theater ist im Kleinen ja durchaus ähnlich so einem Staats- und Parteiengefüge: Bei Ihnen gibt es auch Ab- und Zuwanderungsbewegungen und wechselnde Mehrheiten. Wird es nicht immer schwerer, ein erstklassiges Ensemble zu bilden und zu halten? Protagonisten wie z. B. Robert Hunger-Bühler oder Josef Bierbichler, die ab November bei Ihnen in den "Bakchen" spielen, sind "nur" Gäste.

Baumbauer: Ich finde, wir haben ein ziemlich stabiles Ensemble, das sich immer mehr verdichtet. Hunger-Bühler, der in Jossi Wielers Inszenierung mitwirkt, ist ohnehin schon in diesem Jahr in den "Elementarteilchen", die wir von Zürich übernehmen, mit dabei. Und bei Bierbichler, der sich ja nirgends fest bindet, gilt: Für ihn gibt es immer eine Option, bei uns zu arbeiten.

Ihr Motto für die neue Spielzeit: "Du sollst nicht sparen." Wie ist denn das gemeint?

Baumbauer: Nicht einfach materiell. Das ist schon inhaltlich substanziell abgefedert - durch die Frauenfiguren, die wir auf die Bühne bringen: die Iphigenie, die Lulu. Figuren, die sich nicht zurückziehen, die sich eher verschwenden, sich verausgaben. Im Grunde ist das ein Kommentar in die Gesellschaft hinein: sich herauszuwagen, sich mehr zuzutrauen, sich nicht einzubunkern in die Zwänge. Ich glaube, die Figuren in den Stücken - das gilt genauso für "Die Räuber" - stehen für Regelverletzungen und dafür, nach vorn zu gehen.

Die erste große Premiere ist "Lulu live", geschrieben und inszeniert von Ihrem berühmt-berüchtigten "Othello"-Team Zaimoglu, Senkel, Perceval. Warum ein alter Titel, hier den von Frank Wedekind zitierend, mit neuem Inhalt? Verkauft sich der besser?

Baumbauer: Das ist kein alter Titel. Lulu ist ja kein geschützter Name. "Lulu live" ist ein richtig neues Stück. Es hat mit Wedekind nur im Grundmuster zu tun: die Frau, die durch die Gesellschaft gereicht wird. Wir fragen: Wo kommt so eine Frau heute her? Vielleicht aus dem Ostblock. Jetzt, wo die Textfassung vorliegt, werden die Schauspieler damit ganz frei umgehen. Man kann's auch Projekt nennen.

Eine andere Arbeit, Wedekinds "Musik", ist zum Ende der vergangenen Spielzeit geplatzt, weil Viel-Inszenierer Michael Thalheimer wegen "Erschöpfung" abgereist ist. Haben Sie dabei draufgezahlt oder etwas eingespart?

Baumbauer: Natürlich hat's geschmerzt: inhaltlich, der Schauspieler wegen und wegen des Verlusts einer möglicherweise schönen Arbeit. Wirtschaftlich hielt sich das alles sehr im Rahmen. Künstlerisch hat es fast nichts gekostet, weil ja das Regieteam die Arbeit abbrach. Und Thalheimer hat die Summe, die er bereits von uns erhalten hatte, zurückgezahlt.

2007 wird es an der renommierten Ausbildungsstätte der Kammerspiele, der Otto-Falckenberg-Schule, zu einem Wechsel kommen: Direktor Christoph Leimbacher geht in den Ruhestand. Welche Pläne hegen Sie für seine Nachfolge?

Baumbauer: 2007 sind endlich auch die renovierten sowie die neuen Räume für die Schule fertig, und für 2007 suchen wir eine neue Leitung mit der Absicht, die Falckenbergschule wieder fester an unser Haus heranzuziehen. Ich denke, dass dem Weggang von Leimbacher möglicherweise der eine oder andere Lehrer folgen wird. Wir werden die Stelle im kommenden Frühjahr ausschreiben.

Ihr Wuschkandidat?

Baumbauer: Wenn man sich einen schnitzen könnte: Er sollte Pädagoge sein, möglichst einer, der noch am Theater aktiv ist, ein Regisseur oder Dramaturg wäre nicht verkehrt. Im Herbst 2006 müssten wir es wissen, damit der oder die Neue noch ein Jahr mit Leimbacher zusammenarbeiten kann.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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