Die Frau der Zwanzigerjahre

- Da kommt ein junger Künstler in ein Düsseldorfer Haus, soll die Ehefrau porträtieren - und verliebt sich in sie. Sie lässt wohlsituierten Arzt-Mann und Kinder zurück, um mit dem unbekannten Maler nach Dresden zu ziehen. Im Übrigen hatte sich der Ehemann schon länger mit ihrer Schwester vergnügt. Das Bohèmepärchen schreibt an die beiden anderen lustig illustrierte Bettelbriefe, denn für den exquisiten Geschmack - ach, die schönen Hüte in den Auslagen - fehlt das Geld.

Das ist nicht die Handlung einer frivolen Filmkomödie von Ernst Lubitsch und auch kein existenzschwerer Künstlerroman von Jakob Wassermann - das war das echte Leben. Otto Dix (1891-1969) lernte 1921 Martha Koch kennen. Sammler und Urologe Hans Koch hatte ein Bild in Auftrag gegeben. Martha (1895-1985) wurde Ottos Lebens-Frau - auch wenn er später Gspusis hatte und eine "Zweitfamilie".

Jimmy und Mutzli

Das Kunstmuseum Stuttgart, das seit März in seinem schönen Neubau am Schlossplatz residiert (wir berichteten) und bereits jetzt zu einem Riesenerfolg geworden ist, besitzt die bedeutendste Sammlung von Dix-Werken. Schon 14 Jahre ist es her, dass das städtische Museum diesem "Hausgott" eine Schau gewidmet hat. Nun fand Kuratorin Karin Schick einen neuen, nämlich ziemlich privaten und zugleich künstlerisch aussagekräftigen Zugang zu dem schillernden Realisten in: "Otto Dix - Hommage à Martha".

Vor dem Martha-Panorama geben zwei Säle, bestückt aus dem Bestand, einen knappen Überblick über das uvre. Im Zentrum das Triptychon "Großstadt" (1927/28), das die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts grandios erfasst. Dekadenter

Unterhaltungstaumel, sexuelle Käuflichkeit, Armut und Kriegstrauma. Menschen im Sinnesrausch, als wüssten sie nicht nur, dass ein Krieg hinter ihnen liegt, sondern auch, dass der nächste schon bevorsteht. Otto und Martha waren gewissermaßen das ideale Paar der Zwanziger. Frech, kritisch, freizügig; man liebte es zu tanzen - er nannte sich nach dem Shimmy mit Spitznamen Jimmy -, sich schick zu kleiden, zu essen, zu trinken (Whiskey) und zu rauchen. Beide waren für einander geschaffen. Ab 1921 war Martha/Mutzli immer wieder Dix' Thema - die Frau dieser Epoche. Mit Bubikopf, verrucht geschminkten Mandelaugen, sinnlichem Mündchen, mal angetan mit elegantem Hut und Fuchskragen, mal im roten Kleid in Madonnenhaltung als Mutter, mal in üppig besticktem Gewand (Goldgrundmalerei wie bei einem alten Heiligenbild) als weltabgewandte Dame mit einem Zweig der Trompetenwinde in der Hand. In der Exposition, die das Motiv "Martha" mit 70 Leihgaben ausführlich darlegt, sind auch Kleidungsstücke und Schmuck von ihr zu sehen, die in Werken auftauchen. Darüber hinaus wird Dix' Martha-Vorstellung durch Fotografien von Größen wie Hugo Erfurth und August Sander relativiert.

Mit Zeichenfeder, Aquarell-, Öl- und Temperapinsel umkreiste Dix seine Schöne mit dem runden Gesicht, den hohen Wangenknochen und diesen seltsamen Augen samt geschwungenen Brauen. Ein Aquarellist, schwebend in leichten Farbnuancen; dann ein altmeisterlicher Maler, der gläsern-transparente Schichten auf Holz auftrug; oder der scharfsichtige Zeichner, der "modellierte".

Gewalt des Gebärens

Faszinierend wie dieses Können, das ein Individuum zur Allgemeingültigkeit führt, sind Otto Dix' Familienbilder. Intensiv die Hinwendung zu der mythischen Einheit von Mutter und Kind, wo er selbst fast ein grotesker Eindringling ist. Und die Geburt-Bilder, an denen er zum Teil scheiterte. Vielleicht liegt aber in diesem Unvollendet-sein die tiefe künstlerische Ehrlichkeit. Der Maler muss passen angesichts der elementaren Gewalt des Gebärens. Bettlaken und Kissen sind aufgeworfen wie die Erde eines Schlachtfelds. Von der Frau sind nur die aufgestellten Beine zu sehen; das Neugeborene ein schemenhaft rosafarbener Fleck, nach dem die Hebammenhände greifen. Trotz aller Unsicherheit ist das ein Gemälde von verstörender Kraft. Versuchsweise griff Dix die Situation noch einmal auf - aus dem Blickwinkel der Gebärenden.

Seine stete Auseinandersetzung mit Martha hörte 1933 auf. Otto Dix wurde von den Nazis verfemt und als Akademieprofessor in Dresden entlassen. Die Familie wich an den Bodensee aus. Die letzte Martha-Zeichnung zeigt eine gebeugte, werkelnde Frau - die Eleganz der 20er ist verflogen.

Bis 27. November; Kleiner Schlossplatz 1, Tel. 0711/ 216 21 88; Begleitbuch, Hatje Cantz: 25 Euro.

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