Frauen aus Komotau

- Ein heißes Eisen: die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Kaum bisher in große Literatur gebannt. Ein Thema, das in den vergangenen Jahrzehnten weggedrängt wurde in die eher nationalistische Ecke. Nun hat es der Schriftsteller Reinhard Jirgl aufgegriffen. In seinem sehr lesenswerten Roman "Die Unvollendeten" erzählt er vorbehaltlos, historisch genau und menschlich anrührend die Lebensgeschichte von vier Frauen, die ihre Wurzeln im Städtchen Komotau im Sudentenland haben.

<P>Er schildert Vertreibung, Flüchtlingstrecks, Neuanfangsversuche. Der dornige Weg führt über München, Sachsen in die armselige Mark Brandenburg. Johanna, ihre Töchter Hanna und Maria sowie die Enkelin Anna aber bleiben ihr Leben lang Unvollendete. Heimatlose auch in der neuen Heimat, dem Kaff Birkheim in der DDR. Nie sind diese Menschen bei sich selbst angekommen. Darin liegt ihre Tragik. Mit dieser Familienchronik setzt Jirgl den Frauen ein beherzt-liebevolles Denkmal.</P><P>Dabei sind "Die Unvollendeten" kein so genannter Vertriebenenroman. Indem Reinhard Jirgl die Geschichte bis ins Heute fortschreibt, bis ins Jahr 2002, zeichnet er anhand der einzelnen Schicksale ein großes, zutiefst bewegendes Deutschland-Panorama - und zwar aus der unbestechlichen Sicht der vierten Generation: eines in den 50er-Jahren in Ost-Berlin geborenen Nachfahren jener Frauen. Das Buch trägt insofern autobiografische Züge, da der Autor hier das Schicksal seiner eigenen Familie literarisch aufbereitet. Dass der Roman nicht in Gefühligkeit oder Sentimentalität abrutscht, dafür sorgt der Autor mit seinem eigenwilligen, an Arno Schmidt geschulten Schreib-Formalismus, was die Lektüre zunächst ein bisschen erschweren mag. </P><P>Spätestens nach den ersten 30 Seiten dürfte sich aber jeder Leser daran gewöhnt haben.</P><P>Reinhard Jirgl: "Die Unvollendeten". Carl Hanser Verlag, München. 251 Seiten, 19,90 Euro.<BR>An diesem Donnerstag, 17. Juli, 20 Uhr, liest Jirgl im Literaturhaus München.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Auseinandersetzungen mit Rechten auf der Buchmesse
Der Umgang mit der Neuen Rechten hat die Frankfurter Messe von Beginn an beschäftigt. Beim Besuch des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke kommt es am Samstag zu Konfrontationen …
Auseinandersetzungen mit Rechten auf der Buchmesse
Wanderkonzert: LaBrassBanda mit Fans auf der Hütte
LaBrassBanda ist alles andere als eine gewöhnliche Band. Da passt auch das neueste Konzert der Gruppe ins Bild: Auf 1300 Metern Höhe spielen die Musiker vor ihren Fans …
Wanderkonzert: LaBrassBanda mit Fans auf der Hütte
Wiedereröffnung am Gärtnerplatz: Die schrecklich nette Familie ist zurück
Mit der Eröffnungsgala „Es ist soweit!“ feiert das Münchner Gärtnerplatztheater an diesem Wochenende seine Rückkehr ins renovierte Stammhaus. Lesen Sie hier die …
Wiedereröffnung am Gärtnerplatz: Die schrecklich nette Familie ist zurück
Münchens Gärtnerplatztheater: Ein unfassbares Haus
Zwischen Baustellen, „Joi mamam“ und Oper im L-Format: Blick auf die Geschichte des Münchner Gärtnerplatztheaters, in dem nach fünf Jahren wieder gespielt werden kann
Münchens Gärtnerplatztheater: Ein unfassbares Haus

Kommentare