Wir Frauen sind die besten Verbergerinnen

- Ist es ein böses Kindermärchen, ein Krimi, ein surrealistischer Traum? "Man weiß nichts Genaues", sagt Hauptdarstellerin Hildegard Schmahl. "Es ist auf jeden Fall das Drama einer bürgerlichen Familie - mit all ihren Geheimnissen." Wenn an diesem Mittwoch "Das Fest des Lamms" im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele Premiere hat, kommt das Stück einer großen Malerin zur Aufführung: Leonora Carrington, geboren 1917, berühmt nicht nur als Künstlerin, sondern auch weil sie als Zwanzigjährige die Geliebte des bedeutenden Surrealisten Max Ernst wurde.

In dieser Zeit, 1940, schrieb sie ihr Stück. Hildegard Schmahl: "Obwohl es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden ist, erzählt ,Das Fest des Lamms' doch nur vom Krieg im Inneren der Menschen." Für die Schauspielerin ist es eine Art Fortsetzung der "Alkestis". Nicht nur, weil der Regisseur abermals Jossi Wieler heißt, sondern: "Es geht wieder um eine Familie, ich spiele wieder eine Mutter, habe zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter und einen Hund." Der immerhin sprechen kann . . . Schmahl: "Ja, bei uns ist er so etwas wie der Liebhaber oder Lebensgefährte der alten Mrs. Carnis. Alles andere Getier, das Leonora Carrington in ihrem Stück zahlreich auftreten lässt, ist bei uns als Projektion in die Köpfe der Figuren gelegt." Eine durchaus mysteriöse Geschichte?

Der Hund als Liebhaber

"Eine Familie, in der ein Mord geschieht; ein Sohn, bei dem irgendetwas nicht stimmt; Frauen, die verschwinden. Ein bisschen eine Herzog-Blaubart-Situation. Insgesamt geht es darum: was Menschen in der Lage sind zu denken, wozu sie fähig sind."

Nein, in sich selbst kann Hildegard Schmahl für diese Rolle nichts finden: "Die Mrs. Carnis ist eine ganz andere Frau als ich; eine, die viel Gewalt um sich hat, die Mörderblut in sich hat. Diese Frau ist eine Täterin. Sie gehört zu denen, die sich die Welt untertan machen." Fast ein Tabu-Thema? Schmahl: "Man spricht ja nicht so gern darüber, dass Frauen genauso Gewalt in sich haben wie die Männer. Ich denke, wir Frauen sind die besten Verbergerinnen dessen, was in uns steckt und wozu wir bereit sind. Gräueltaten brechen nicht nur im Krieg aus, die sind genauso in der Familie vorhanden."

Als Mutter zweier erwachsener Kinder - der Sohn Sebastian Rudolph ist Schauspieler, die Tochter studiert Regie - fügt die Schauspielerin hinzu: "Man kann nicht spielen, worüber man nicht wenigstens ein bisschen Erfahrung hat oder womit man sich beschäftigt bzw. worüber man nachgedacht hat. Es geht doch immer so: Wir haben ein Stück, lesen es und gucken, was wir dazu wissen. Das Besondere an unserer Arbeit: dass das Theater ein Raum ist, in dem Fragen hochkommen, die man sich allein nicht stellt. Unsere Aufgabe ist es, diese Fragen an die Oberfläche zu holen und sichtbar zu machen."

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