Was Frauen wünschen

- Man könnte dieses Buch als Schelmenroman lesen. Als den großen Liebesreigen eines Jungen, der nicht nein sagen kann. Der weiß, was Frauen wünschen und auch die Mädchen. Der sich ganz in den Dienst des so genannten schönen Geschlechts stellt und sich dabei selbst, abgesehen von dem bisschen Vergnügen bei der stets zuverlässigen Befriedigung weiblicher Triebe, vergisst. Mitleid und Begehren - das ist für ihn ein und dasselbe. Zeit für das eigene Werden bleibt ihm dabei nicht.

"Ergebenst, euer Schurik" heißt der neue Roman der prominenten und international geehrten russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja (62), die mit diesem Buch ein sarkastisches Bild Moskauer Lebens in den Zeiten der Sowjetunion in den 50er-bis 80er-Jahren zeichnet.

Schurik Korn, ihr Held - das ist der gehätschelte Junge von Mutter Vera und Großmutter Jelisaweta. Unehelich geboren, der Sohn eines verheirateten Musikers und einer schauspielerisch ambitionierten Mutter sowie Enkel einer Dozentin für französische Literatur, einer intelligenten und praktischen Frau, die noch immer Tradition, Stil und gute Sitten des längst untergegangenen russischen Bürgertums lebt. In diese Welt voller Höflichkeit und Anstand wächst Schurik hinein. Weil er diesen wichtigsten Frauen seines Lebens in tiefer Liebe und Dankbarkeit verbunden ist, kann er den beiden und später auch allen anderen nichts abschlagen.

"Er fühlte sich glücklich und frei."

Ljudmila Ulitzkaja

Das geht so bis zu seinem 30. Lebensjahr. Eineinhalb Jahrzehnte im unermüdlichen Dienst der Frauen. Da macht Lilja, seine erste und wohl einzige Liebe, aus Israel kommend kurz Station in Moskau. Nach ihrem Wiedersehen mit Schurik notiert sie über den einst so hübschen und auch von ihr geliebten Jüngling: "Er sieht furchtbar aus - gealtert, dick; kaum zu glauben, dass er erst dreißig ist." Aber Autorin Ulitzkaja schreibt nach diesem Treffen anderes über ihn: "Er fühlte sich glücklich und frei." Und sie entlässt den Leser mit der vagen Hoffnung, dass aus diesem begabten Dienstleister der Erotik vielleicht doch noch ein richtiger Mann werden könnte.

Bei aller ironischen Schärfe und Unerbittlichkeit in der Schilderung der Charaktere verbindet dieser Roman hohen Unterhaltungswert mit präziser Gesellschaftsanalyse. Und weil es schon passieren kann, dass man beim Lesen durcheinander kommt mit all den vielen Frauen Schuriks, liegt dem Buch als Lesezeichen eine sehr nützliche Liste ihrer Namen bei. Von der geliebten Großmutter, der Schurik beim Sterben nicht beisteht, weil er im warmen Bett einer Freundin einfach nicht an sie denkt, bis zur Bildhauerin und Katzenmutter Matilda, die in üppiger Fraulichkeit den Halbwüchsigen kundig entjungfert. Schurik verlässt sie nie, ebenso wenig wie seine Chefin und Bibliotheksdirektorin, die gehbehinderte Valerija. Frauen pflastern seinen Weg: Alja, das hässliche Chemie-As aus Kasachstan; Lena, die sibirische Schönheit und Funktionärstochter, die Schurik aus Mitleid heiratet, damit sie das Kind ihres kubanischen Geliebten nicht unehelich zur Welt bringen muss; oder Shanna, Alla, Sonja, Faina, Irina, und wie sie sonst noch heißen. Das sind alles wunderbar genau beschriebene Lebensgeschichten, komisch in ihrer Traurigkeit, tragisch in ihrer Lächerlichkeit, warmherzig dargestellt in ihrer Kälte.

Darin liegt die Größe des neuen Ulitzkaja-Buches: Was sich oberflächlich als ein Don-Juan-Wider-Willen-Roman lesen lässt, erzählt in Wahrheit von der Herzlosigkeit und Bindungslosigkeit des Lebens im kommunistischen Staat. Die heute vielfach mit staunendem Entsetzen konstatierte Brutalität der russischen und anderer ehemals sozialistischen Gesellschaften - die Wurzeln dafür liegen auch in jener entbürgerlichten Welt, in der der Einzelne nichts gilt und nichts das individuelle Glück; in der Antisemitismus ungehindert keimen darf und Parteibonzen Leben und Liebe auslöschen können. Ljudmila Ulitzkaja stellt das, ohne je vordergründig zu werden, auf brillante Weise dar.

Ljudmila Ulitzkaja: "Ergebenst, euer Schurik". Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Carl Hanser Verlag, München, 494 Seiten; 24,90 Euro.

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