Frauenheld im Bratwurstdunst

München - Wenn das traditionelle Open- Air-Konzert am "Oper für alle"-Wochenende ein Gradmesser gewesen sein sollte, dann kann es um die klassische Musik nicht so schlecht bestellt sein. Denn obwohl sich das Wetter am Samstag nicht unbedingt von seiner freundlichsten Seite präsentierte, hatten wieder zahlreiche Musikfans aller Altersgruppen den Weg auf den Münchner Marstallplatz gefunden, um dort Kent Nagano mit dem Bayerischen Staatsorchester zu lauschen.

Wetterglück gehabt: Kent Nagano dirigierte das Bayerische Staatsorchester auf dem Münchner Marstallplatz

Obgleich man witterungsbedingt nicht so dicht gedrängt stand wie in den Vorjahren, tat dies der Begeisterung keinen Abbruch. Und schon zum Auftritt des Attacca-Jugendorchesters, das den Abend mit Brahms' Akademischer Festouvertüre eröffnete, ließ man sich beim Applaus nicht lumpen. Während der Generalmusikdirektor hier noch ungewohnt lässig am Pult erschien, tauschte er das bunte "Oper für alle"-Shirt im Hauptteil dann doch gegen den seriösen Frack und nahm die Zügel seines Staatsorchesters deutlich straffer in die Hand.

Das Programm beschrieb Nagano in seinen warmherzigen Begrüßungsworten als eine Art musikalische Reise, die ebenso wie der Lebensweg des Dirigenten in Amerika beginnt und in München vorerst ein glückliches Ende findet. Genau wie für die Akademiekonzerte im Nationaltheater setzte Nagano aber auch bei seinem zweiten Münchner Open-Air-Auftritt keineswegs nur auf Populäres, sondern begann zunächst mit der hierzulande nicht allzu vertrauten ersten Symphonie seines Landsmannes Charles Ives. Im zweiten Satz des eingängigen Werks bahnten sich dann sogar ein paar letzte Sommerstrahlen ihren mühsamen Weg, ehe die gewaltigen Blechfanfaren des Finales die letzten Wolkenfetzen davonfegten. So konnte man beim "Don Juan" von Richard Strauss wesentlich beruhigter die Musik genießen, ohne ständig nervös gen Himmel zu blicken.

Für klangliche Details, wie sie der Dirigent sonst gerne zwischen den Notenzeilen aufstöbert, war unter diesen Bedingungen naturgemäß wenig Platz, obwohl es Nagano, allen Nebengeräuschen trotzend, dennoch versuchte. Vor allem bei Strauss' Tondichtung fand er zu einem deftigen, freilufttauglichen Musizieren, durchaus passend begleitet vom Bratwurstdunst, der vor allem den Zuhörern in den hinteren Reihen um die Nase wehte.

Für ein wenig opernhaftes Flair sorgte im Anschluss daran Sopranistin Soile Isokoski, die bei den "Vier letzten Liedern" eine ideale Strauss-Stimme hören ließ. Und dies mit farbiger Mittellage und strahlenden Spitzentönen, die zumindest akustisch jenes Abendrot heraufbeschworen, das Petrus dem Publikum über weite Strecken schuldig geblieben war.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hamill, hilf!
Am Donnerstag startet der neue „Star Wars: Die letzten Jedi“ – Mark Hamill kehrt als Luke Skywalker zurück, um die Rebellen zu retten. Über den Film reden darf er …
Hamill, hilf!
„Metallischer und düsterer“: Emil-Bulls-Sänger im Interview
Emil Bulls haben sich mit einem neuen Album zurückgemeldet. Am Samstag tritt das Quintett im Backstage auf. Im Interview spricht Sänger Christoph von Freydorf über die …
„Metallischer und düsterer“: Emil-Bulls-Sänger im Interview
Mahnmal für Georg Elser: Die Geschichte hinter dem Grafitto
Das große Graffito an der Bayerstraße ist ein echter Hingucker - und viel mehr als nur Wandmalerei. Im Making-Of-Video erzählen Loomit und Won von ihrem Verhältnis zu …
Mahnmal für Georg Elser: Die Geschichte hinter dem Grafitto
Yello in der Olympiahalle: Elektro mit Herz, Hirn und Humor
Das runde Leder hat den runden Loops keine Chance gelassen. In der Olympiahalle verliefen sich am Dienstagabend ungefähr 2000 Fans der Schweizer Elektro-Pioniere …
Yello in der Olympiahalle: Elektro mit Herz, Hirn und Humor

Kommentare