Frauenpower voller Ironie: "Die Wohltat der Kunst" in der Sammlung Goetz

- "Post/Feministische Positionen der 90er-Jahre" kann als Überschrift einer Dissertation durchgehen, auf Ausstellungsbesucher wirkt sie allerdings wie Abwehrzauber. Dies ahnend, haben die Kuratoren als Gegengift "Wohltat der Kunst" hinzugefügt; ob nun ironisch gemeint, ob Publikum herbeiflehend oder mahnend, muss jeder Betrachter der Schau in der Münchner Sammlung Goetz selbst entscheiden. Dass es sich lohnt, dieses so spröde wie ängstlich titulierte Panorama und Panoptikum einer Kunstphase anzuschauen, steht fest.

<P>Vor allem Arbeiten von Künstlerinnen sind versammelt. Die Schau war zuvor in größerem Umfang in der Kunsthalle Baden-Baden zu sehen. Klar, dass Ingvild Goetz keine tränendrüsige Frauen-Selbstmitleid-Kunst erworben hat. Humor, aber eben auch scharfe bis ätzende Analyse zählen für sie. So ist es nicht verwunderlich, dass vor allem das Frauenbild in der Schau um- und umgewendet wird, bis die Klischees sich mit der Wahrheit verquirlt haben. Pipilotti Rist zeigt in einem schäbig zerfaserten Video einen weiblichen Hupf-auf-Ball, dessen Abbild immer und immer wieder zerkratzt wird. Komisch und in all dieser Vergeblichkeit todtraurig. Da ist die schöne Leiche, die am Waldboden liegt und von einer ganz tief fahrenden Kamera abgefilmt wird, viel weniger erschreckend. Auf Schock setzt auch Tracey Emin mit ihrer "Hommage à` Munch", in der ein gellender Schrei natürlich die Hauptrolle spielt. <BR><BR>Für dieses merkwürdige Flackern der Seele zwischen Lachen und Angststarre haben alle ausgestellten Arbeiten die richtige Balance gefunden. Schlitzohrig _ und faszinierend perfekt bildnerisch konstruiert - spannt Matthew Barney Stewardessen in breite, weiße Plastikrahmen - wie die Boden-Deko von billigen Tabletts. Er zitiert und konterkariert gleichzeitig das Stereotyp von der Traumfrau der Lüfte. Daniela Rossells Fotos sind zwar relativ harmlos, aber kitsch-orgiastisch plakativ. Sie inszenieren knallig Sexobjekt Frau in Exotismus-Staffage: Bikini-Girl am Schachbrett vor Riesenbett mit lachsrosafarbenen Schmetterlingen oder weiß gewandetes Blondie vor ausgestopften Wildtieren. Wesentlich heftiger und härter geht Sarah Lucas das Thema Sexobjekt an. Ihr Raum, komplett bedeckt mit Zeitungsseiten, ist unendlich bedrückend - und macht jeden zum Feministen. Blatt für Blatt dringen Silikonbusen-Quallen und entblößte Gesäßflächen auf den Betrachter ein. Erotik ist schlagartig abgetötet; und selbst die "Sexmachine" - Holzgestell mit zwei Spiegeleiern und einer Banane - entlockt einem nur ein müdes Lächeln. Denn zu trostlos ist die Fratze der Menschenverachtung und der Selbsterniedrigung des Geldes wegen. Was im Alltag mit seinen zahllosen Körper-Verkäuflichkeiten längst zur Gewohnheit geworden ist, reißt Lucas wieder als Wunde auf.<BR><BR>Nicht nur deswegen vergeht dem Betrachter der Appetit, sondern auch, weil Mona Hatoum einem statt Essen schon gleich den Schlund, in dem es verschwinden sollte, vorsetzt. Das Video auf dem Tellerboden ist beste Gastroskopie. Von so viel Sarkasmus kann man sich dann bei Hatoums weiß-milchigen Reibedrucken erholen. Geerdet am Küchengerät ist die Kunst: wahrscheinlich postfeministisch tituliert, wenn jenes von Alessi stammt, feministisch, wenn's vom Flohmarkt kommt...<BR></P>

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