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„Es geht um die Rettung eines denkmalgeschützten städtischen Gebäudes.“ Eindringlich warnt Direktorin Frauke von der Haar vor dem weiteren Verfall des Münchner Stadtmuseums am St.-Jakobs-Platz. 

Generalsanierung des Münchner Stadtmuseums soll auf nach 2026 verschoben werden

Museums-Chefin von der Haar: „Es macht mich fassungslos“

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Seit Jahresbeginn ist Frauke von der Haar Direktorin des Münchner Stadtmuseums. Jetzt schlägt sie Alarm: Die neue grün-rote Rathaus-Regierung hat angekündigt, die 2019 bewilligte Generalsanierung des Hauses auf die Zeit nach 2026 verschieben zu wollen.

Sollte der Stadtrat dies entscheiden, „verfällt der Bau“ am St.-Jakobs-Platz, warnt die Museums-Chefin in unserem Interview.

Wie wütend macht Sie das Sparvorhaben?

Frauke von der Haar: Ich hätte mir ein konstruktives Gespräch gewünscht, wenn die Stadt überlegt, wie sie in Zeiten von Corona sparen kann. Denn ich glaube, das Münchner Stadtmuseum hätte ein solches Gespräch verdient gehabt.

Wer überbringt schon gerne schlechte Nachrichten?

Frauke von der Haar: Ich kann verstehen, dass es schwer ist, solche harten Einschnitte zu treffen, und auch, dass man ungern mit den Beteiligten darüber spricht. Schließlich will keiner gerne Streichungen oder Verschiebungen bei sich hinnehmen. Dadurch verlagern wir ein Problem auf das Jahr 2026. Die Summe für die Generalsanierung wird dann aber wesentlich höher sein, weil bis dahin die Baukosten gestiegen sein werden. Auch unsere inhaltlichen Pläne werden dann nicht mehr aktuell sein. Im technischen und architektonischen Bereich gehe ich davon aus, dass hier ebenfalls Neuerungen berücksichtigt werden müssen, die Folgekosten nach sich ziehen.

Habe ich Sie richtig verstanden: Grün-Rot hat nicht vorab mit Ihnen gesprochen?

Frauke von der Haar: Nein. Ich habe durch die Medien davon erfahren.

Warum sind Sie gegen die Verschiebung der Generalsanierung?

Frauke von der Haar: Unser Haus ist denkmalgeschützt und marode. 70 Prozent der wirklich gigantischen Summe von 203 Millionen Euro sind reiner Erhalt der Bausubstanz. Das Geld ist nicht für Luxus-Wünsche des Münchner Stadtmuseums, die in diesen Zeiten utopisch sind, sondern für die Rettung eines denkmalgeschützten städtischen Gebäudes. Die Situation in sechs Jahren wird nicht einfacher sein. Im Gegenteil: Der Bau verfällt bis dahin weiter.

Können Sie Beispiele nennen?

Frauke von der Haar: Uns kommt jetzt schon der Putz entgegen – und wir heizen den Rindermarkt mit, wenn Sie so wollen. So schlecht steht das Haus energetisch da. Das kann nicht im Interesse einer grün-roten Regierung sein.

Gibt es Pläne für 2026, falls die Vollversammlung des Stadtrats die Verschiebung beschließt?

Frauke von der Haar: Es wäre gut gewesen, darüber im Vorfeld nachzudenken. Man wird 2026 nicht einfach da weitermachen können, wo wir jetzt zum Aufhören gezwungen werden.

Können Sie sich eine „Sanierung light“ vorstellen, eine abgespeckte Maßnahme?

Frauke von der Haar: Ich weiß gar nicht, wie die aussehen sollte. Es hat bereits Unterbrechungen der Planungen gegeben. Und es wurden auch schon Kürzungsrunden umgesetzt. Dabei wurde sehr deutlich, dass 70 Prozent der 203 Millionen Euro, also 140 Millionen, ausschließlich für den Erhalt der Bausubstanz gebraucht werden.

Das übrige Geld hatten Sie für die Umgestaltung des Museums vorgesehen.

Frauke von der Haar: Richtig. Es ist doch klar, dass man eine solche Summe den Bürgerinnen und Bürgern nicht vermitteln kann – da muss inhaltlich etwas Neues kommen. Und es ist auch richtig, an einer solch zentralen Stelle wie am St.-Jakobs-Platz einen Begegnungsort für die Menschen zu schaffen. Die Pläne des Architekturbüros Auer Weber sind brillant, mit dem großen Saal, mit dem Atrium und dem Kubus. Wenn man jetzt über eine Light-Version spricht, muss man zwei Dinge auseinanderhalten: Was ist gut für das Museum? Was ist gut für das Gebäude?

Und?

Frauke von der Haar: Das Gebäude verfällt und steht unter Denkmalschutz. Also muss man sich etwas überlegen, um den Verfall zu stoppen. Im Gegensatz zu anderen denkmalgeschützten Objekten wird dieses aber „bewohnt“. Und zwar von einem Museum, das es nicht anständig museal nutzen kann. Wir müssen ein denkmalgeschütztes, marodes Haus betreiben und haben dadurch hohe energetische Kosten. Das belastet unseren Haushalt. Zugleich fehlen uns die Voraussetzungen, die ein Museum heute eigentlich haben sollte. Das heißt: Das große, sanierungsbedürftige Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, ist für das Museum eine große Belastung – finanziell und räumlich.

Sehen Sie einen Ausweg?

Frauke von der Haar: Wenn sich die Stadt diesen großen, tollen Entwurf von Auer Weber nicht leisten will oder kann, muss sie andere Lösungen entwickeln, die es ermöglichen, dass dieses städtische Gebäude in bester Lage nicht weiter zerfällt. Auf der anderen Seite muss man diesem Museum, das herausragende Sammlungen hat, eine Chance geben, sich weiterzuentwickeln und sich zu positionieren. Das muss jetzt geschehen. Eine erneute Verschiebung um sechs Jahre ist nichts anderes als ein Verschließen der Augen.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die Entscheidung?

Frauke von der Haar:Ich kann das gar nicht an Sitzungsterminen festmachen. (Pause.)  Für ein Projekt, das einen so langen Weg genommen hat, ist es erschreckend. Es macht mich fassungslos.

Seit 21 Jahren arbeitet das Haus an Sanierung und Neukonzeption.

Frauke von der Haar: Im Auftrag der Stadt! Und damit sind nicht nur wir beschäftigt, sondern auch Kultur-, Bau- und Kommunalreferat. Die sind genauso vor den Kopf gestoßen.

Haben Sie Fehler gemacht? Hätten Sie im Vorfeld vielleicht lauter sein müssen, um deutlich zu machen, wie wichtig die Sanierung zum
jetzigen Zeitpunkt ist?

Frauke von der Haar: Richtig, das kann man fragen. Vielleicht bin ich zu neu in dieser Stadt, um einschätzen zu können, dass mit einer solchen Schnelligkeit Entscheidungen getroffen und Projekte derart langfristig auf Eis gelegt werden. Ich schätze den konstruktiven Umgang miteinander – und bin auch in diesem Fall von einem solchen ausgegangen. Wir haben sehr auf den Stadtratsbeschluss vom vergangenen Jahr gebaut, der das Geld für die Generalsanierung bewilligte. Vielleicht haben wir uns zu sehr darauf verlassen.

Angenommen, die Verschiebung wird beschlossen. Was bedeutet das für Sie?

Frauke von der Haar: Das kann ich Ihnen gar nicht sagen. Jeder Tag, an dem ich mich mit dem Thema auseinandersetze, bringt neue Facetten. Hier ist ein ganzes Team betroffen mit vielen neuen, jungen Kolleginnen und Kollegen, die gekommen sind, weil sie etwas bewegen wollen. Wir werden uns gemeinsam eine Strategie überlegen, wie wir das Beste für das Haus tun können, um es endlich zu positionieren. Zugegeben, das fällt Stadtmuseen schwer. Dieses Phänomen ist nicht nur in München zu beobachten. Aber viele andere Kommunen haben bereits verstanden, welche Aufgabe ihre Stadtmuseen in der Gesellschaft übernehmen können. Das müssen wir auch in München stärken.

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