Freche Offenbach-Scherze

- "Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Verse" - mit diesem Lyrikabend ging am Samstag die dreiteilige Robert-Gernhardt-Reihe bei den Salzburger Festspielen zu Ende. Zum Abschluss hatte sich der "Dichter zu Gast" Gäste eingeladen, die er schätze und die er noch nie habe lesen hören. Mit diesem Treffen von Jan Wagner, Silke Scheuermann, Thomas Rosenlöcher, Steffen Jacobs, Franzobel und Martin Mosebach habe er sich selbst einen Wunsch erfüllt.

<P>All diese jüngeren Kollegen gaben, bevor sie Eigenes vortrugen, "eine poetische Visitenkarte ab", ein Gedicht, das sie besonders mögen. Diesen Lyrik-Schatz präsentierte Sunnyi Melles dem Publikum. <BR> <BR>Martin Mosebach (jüngstes Buch: "Der Nebelfürst"), der auch als Librettist tätig ist, war schon tags zuvor entscheidender Bestandteil der Veranstaltung. Die war auf Mosebachs Initiative hin Jacques Offenbach gewidmet: kein zuckersüßes Salzburger Nockerl mit viel Luft (!), sondern eine prickelnde Champagner-Soiree - mit ein paar Spott-Wermutstropfen. Die sorgten dafür, dass neben dem Schwipserl das Denken nicht zu kurz kam. "Musiquette Poétique" spannte Ton- und Dichtkunst zusammen vor den Wagen der so belehrenden wie ironischen Unterhaltung. Die genoss das - heftig jubelnde - Publikum naturgemäß vor allem durch Offenbach selbst, der klangvoll sprach durch Hendrik Heilmann am Flügel, Susanne Serfling (Sopran), Victor Schiering (Tenor) und Raphael Schwarzer (Bariton).</P><P><BR>Mosebach erzählte zunächst von Offenbach, bei dem sich Weltruhm (Opern/Operetten) und "tiefes Vergessensein" (50 Einakter für seine "Bouffe parisienne") paaren. Also erwies es sich als extrem schwer, eine erneute Offenbach-Ausgrabung zu starten. Aufnahmen - Fehlanzeige; Notenmaterial - suchen, suchen... Immerhin erlebe man nun mit den beiden Kurzoperetten "Monsieur Choufleuri restera chez lui" und "Pomme d'api" (mit einem absurd-tollen Terzett übers Grillen) die Entdeckerfreude "nach der Bildungskatastrophe". Daneben vertrat den "Poétique"-Part Gernhardt mit Blick auf die Offenbach-Librettisten, hatte aber auch die eigene Vers-Produktion im Auge. "Die Schwingen des Gesangs" haben nämlich seine Gedichte (noch) nicht erreicht: "ein Überlebenshandicap" für Lyrik.</P><P><BR>Schließlich entwirrten die beiden musikalischen Literaten die opern-üblich wirre Handlung der Einakter, die nur drei Personen haben durften. Vor allem das "Choufleuri"-Operlein um einen banausischen Kunstmäzen, der von einem Komponisten gelinkt wird, macht klar, warum der Musikbetrieb diese Offenbach-Scherze totschweigt: Sie sind zu frech, zu kritisch, zu desillusionierend. Außerdem wird die große italienische Oper steinerweichend komisch parodiert. Wer könnte danach noch von Verdi erschüttert werden?</P><P><BR>Die Sänger-Studenten der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler ließen sich davon jedenfalls nicht abschrecken - und gaben lustvoll selbstironisch ihr Salzburg-Debüt. Wer weiß, vielleicht wird man sie einst im Großen Festspielhaus feiern? Offenbachs überdrehte Lebens-Seligkeit und die imitierte mascarpone-fette Italianità gaben ihnen Gelegenheit, sich gut zu präsentieren.</P><P><BR>Sie realisierten denn auch wacker das vierminütige "Jedermann"-Best of: "Der Tod, der Tod, der Tod, der Tod!/ Was willst du hier, Schockschwerenot?" Libretto natürlich Hofmannsthal (oder doch Gernhardt?), Musik Offenbach - nach engelhaft unterstützter Zusammenarbeit im Himmel. Nur die auf dem Salzburger Domplatz haben von dieser Neuerung noch nichts bemerkt.</P>

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