Freche These

- "Dem Worte dem Vorrang!" - "Nein, der Musik - doch geboren aus dem Wort." Richard Strauss und Clemens Krauss klöppelten um diesen Streit einst ihr Konversationsstück "Capriccio", Kollege Vykintas Baltakas fegt derlei Spitzfindigkeiten zwei Generationen später vom Tisch: Wo Opernsänger meist textfrei forcieren und vom Orchester überschwemmt werden, wo also das Publikum ohne Libretto-Lektüre oder Übertitel nicht mehr auskommt - hat da das Wort nicht längst verloren? Entscheidend ist demnach nicht das Was, die Handlung, sondern das Wie, das vokale und orchestrale Transportmittel. Eine freche, einleuchtende These, auf der Baltakas' Opus "Cantio" beruht. Die zugleich auch, das zeigt die Beschwörung der Antike, einen puristischen Wunsch nach Reinheit, Unverfälschtheit offenbart. Aber wenn schon, so der Kern von "Cantio", Götter mit einer ausschmückungsreichen Rede umgestimmt werden sollen, dann wollen bitte auch sterbliche Biennale-Besucher unterhalten werden. Diese Uraufführung im Theater im Haus der Kunst bewies: Es klappt. Was freilich nicht nur an Baltakas und seiner Librettistin Sharon Joyce allein lag, sondern auch an der famosen Theatertruppe um den litauischen Regisseur Oskaras Korsunovas.

Zunächst betritt das Wort die Szene: unverständlich geflüstertes, gerauntes Altgriechisch, über das Verstärkersystem durch den Raum wandernd, auf das die Schauspieler reagieren: "Kannst du etwas hören?" Dazu gesellt sich Musik, erst als einzelne Stimme, Hauptträgerin der antiken "Rede", später als kleines Ensemble. Baltakas' minimalistische Klangsprache interessiert dabei durch ihre transparente Struktur, durch die große Ökonomie der Mittel und das Wissen um instrumentales (Zusammen-)Wirken.<BR><BR>In mehrere Abschnitte ist das 60-minütige, suggestive Opus gegliedert, das eine Spiralbewegung beschreibt, vom "Nichts" des Beginns in einen anderen, ebenso zurückgenommenen Aggregatzustand geschraubt wird. Auf ein Geschehen mit langen, sphärischen Gesten, bestimmt durch eine Art "verschmutzte" Grundtönigkeit, folgen sinnierende Klavier-Akkorde, später eine Beschleunigung der Textur, auch eine "Nummer", in der stets dieselben rhythmischen und tonalen Muster aufblitzen, sich geringfügig abgewandelt wiederholen. Vokalstimmen emanzipieren sich. Und nach einem hitzigen, fragmentarischen, immer wieder durch Pausen aufgerissenen Kapitel, reduziert sich das Instrumentarium - die Musik verengt sich, friert schließlich ein. <BR><BR>Dem eher abstrakten Konzept von "Cantio" begegnet Regisseur Oskaras Korsunovas mit einer hochtheatralen Versinnlichung. Wie ein Fremdkörper steht das Bühnenbild von Gintaras Makarevicius im strengen Ambiente des Theaters. Eine irrwitzige Wohnmaschine mit mehreren Kammern und Türen, in der allerlei skurrile Gestalten von der aufgetakelten Dame über einen Muskelprotz bis zum Mann mit der Taucherbrille hausen. Fremdkörper ist hier eine Gestalt, die sich in Schattenrissen zeigt, später als Mädchen in Weiß. Ihre Anrufung der Götter irritiert diese Bewohner, die auf Litauisch (und übersetzt durch Übertitel) das Altgriechische kommentieren - wodurch auch eine ironische Distanz zum Stück entsteht.<BR><BR>Das anfängliche Gegenüber wandelt sich zum surrealistischen Miteinander. Und entwaffnend ist dabei die Spiellust des Ensembles, die starke Körperlichkeit, mit der die Schauspieler agieren, die Panikzustände des Werks in kraftvolle Aktion umsetzen. <BR><BR>Hinter dem Wohnwürfel postiert und doch durchs große Engagement für die Partitur immer präsent: das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Christoph Poppen, das den reduktionistischen Gebärden von Baltakas' Klängen feinfühlig nachspürte. Langer, verdienter Applaus: Wenn nun weniger die Handlung, vielmehr ihre Verkleidung wichtig sein soll - wie wohl "Cantio" ohne Korsunovas & Co. gewirkt hätte? <BR><BR>

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