Frecher Freigeist

- Wenige Wochen nach seinem Triumph beim ARD-Wettbewerb war er nach München zurückgekehrt. Mit Schuberts "Winterreise", die er auch heute im Herkulessaal singt, der er sich damals mit sympathischem Respekt, fast übervorsichtig näherte. 16 Jahre der Reflexion und vokalen Entwicklung sind seither vergangen, 16 Jahre, in denen Thomas Quasthoff zu einem der wichtigsten Interpreten der Klassikszene reifte, der mittlerweile sogar den Schritt zur Oper wagte - Zeit also für eine Autobiografie?

<P>Besser jetzt, als wenn ein anderer über ihn schreibt, dachte sich der 45-Jährige und diktierte seinem jüngeren Bruder Michael "Die Stimme". Ein dröges Abhaken von Lebensstationen ist's nicht geworden - dank Quasthoff, diesem Freigeist, der "Eigensinn, Unabhängigkeit und Toleranz" für elementare Menschenrechte hält. Oder, wie der Sänger sich charakterisiert, eben über ein "ziemlich großes Mundwerk" verfügt.</P><P>Flockig plaudert sich Quasthoff also durch die bundesdeutsche Spießeridylle, serviert familiäre Anekdötchen, als habe Loriot Regie geführt, gibt Auskunft über musikalische Frühprägung, die sich seinerzeit zwischen Heinz Schenk, Willy Schneider und Heintje, "Hollands später Rache für Schlieffenplan und Blitzkrieg", bewegte. Doch hinter solch witzigem Ätzen, man ahnt es, verbergen sich tiefe, nie verheilte Verletzungen. </P><P>Aus jener Zeit, als der Contergan-Geschädigte monatelang im Streckverband liegen musste. Als keine Schule den Behinderten aufnehmen wollte, als auch die Musikhochschule das Riesentalent abwies, das mit Kabarett, Jazz, einer Sparkassen-Lehre und einer halben Sprecherstelle beim NDR auf berufliche Nebenpfade ausweichen musste.</P><P>Thielemanns Beckmesser</P><P>Diese Autobiografie ist also nicht nur keckes Zeitporträt, sondern auch die Schilderung eines hilflosen Systems, das Contergan-Patienten mit geistig Behinderten zur "Freakshow" (Quasthoff) zusammensperrte, anstatt sie unabhängig voneinander zu fördern.</P><P>Verständlich, dass solches nur mit einem Panzer aus Selbstbewusstsein durchzustehen ist, über den der Star-Bariton zweifellos verfügt, der ihn aber auch zu politischen Rundumschlägen, Spötteleien über "Friedensbewegte", Sänger-Kollegen und das Festspiel-Publikum verführt - wobei Letzteres für Quasthoffs Broterwerb ja unverzichtbar ist.<BR>Derlei Ungeschminktes liest sich also amüsant, manch Frechheiten schießen aber übers Ziel hinaus. </P><P>Und dass sich auch Fehler eingeschlichen haben (Wo steht das "Bayreuther Konzerthaus"? Seit wann dirigiert Simon Rattle die "Berliner Symphoniker"?), hätte den Quasthoffs und ihrem Lektor nicht passieren dürfen. Egal, dafür verrät der Held sensationelle CD-Projekte (Thielemanns "Meistersinger" mit Bryn Terfel als Sachs und Quasthoff als Beckmesser; Abbados "Tristan" mit Heppner, Polaski und Quasthoff als Kurwenal). Und bilanziert selbstsicher: "Jemand, der aussieht wie der Glöckner von Notre-Dame, mag eine Saison lang als Kuriosität durchgehen, auf die Dauer akzeptiert das Publikum einen Künstler nur, wenn die Qualität stimmt, wenn er etwas zu sagen hat."</P><P>Nächster Beweis dafür: heute Abend, Herkulessaal, 20 Uhr.</P><P>Thomas Quasthoff: "Die Stimme". <BR>Ullstein Buchverlage, Berlin, 336 Seiten; 24 Euro. </P>

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