Frecher Historienmaler

Jörg Immendorf: - Der Geschichtenerzähler, der Anekdoten mit der großen Historie durch wild wuchernde Farb-Lianen ineinander verschlang, schweigt. Jörg Immendorff starb mit 61 Jahren am Pfingstmontag nach langem Kampf und Leiden, die er enorm tapfer aus- und ertrug, an der unheilbaren Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose. Das teilten gestern seine Frau Oda Jaune-Immendorff und der behandelnde Neurologe Thomas Meyer in Düsseldorf mit. Er erklärte, dass bei dem Maler am frühen Morgen ein plötzlicher Herztod eingetreten sei.

Immendorff war ein Künstler, der- ­ auch als er krank war -­ stets nach neuen, von ihm noch ungenutzten Ausdrucksformen suchte. Seine Serie mit Affen in allen Variationen ­ gemalt oder in Bronze ­ zeigte, wie er ebenfalls die dritte Dimension austestete, in der er die naturhaften Bewegungsabläufe, aber auch die hinterkünftige Affen-Symbolik inklusive Maler-Affe besser darstellen zu können glaubte. Die Malerei öffnete ihm weitere Türen: Die kompakten, pastendicken Farb-Schlieren und -Schlangen, die die eigenen Formen und Aussagen schier selbst wieder zu verschlingen suchten, klärten sich überraschend. Großzügige, ruhige, glatte Farbflächen entstanden. Und schoben sich aber doch auch zu frechen, frivolen, aberwitzigen Gestalten zusammen.

Der Künstler Jörg Immendorff wurde als unkonventioneller Historienmaler Deutschlands berühmt. Sein Zyklus "Café Deutschland" steht dafür. Darin versammelte er das Personal, das verantwortlich ist für politisches Glück und Unglück ­ insbesondere die deutsche Teilung. Inspiriert hatten ihn einerseits Renato Guttusos Werk "Caffè Greco" ­ sicher auch die linke Einstellung des Italieners ­, andererseits die Begegnung mit A.R. Penck, der damals noch in der DDR lebte. Der Beuys-Schüler Immendorff, der am 14. Juni 1945 im niedersächsischen Bleckede geboren wurde, gehörte zu den Mitbegründern der sogenannten Jungen Wilden. Temperamentvolle figürliche Malerei begehrte gegen kühle Konzeptkunst auf, wobei das "Wilde" natürlich auch Konzept war. Um die meisten von ihnen ist es still geworden. Jörg Immendorff blieb berühmt, und zwar international. Im "Kunstkompass" der Zeitschrift Capital konnte er seinen Rang unter den weltweit bedeutendsten Künstler sogar ausbauen.

Er porträtierte Gerhard Schröder, der ihm eng verbunden war, und stürzte sich in Bühnenbildaufträge: etwa von den Salzburger Festspielen. Mochte die Klatschpresse noch so viel Wirbel machen, man störte sich weder an seinem früheren Künstlerfürsten-Gehabe noch an den Kokain- und Prostituierten-Eskapaden. Sein Können überzeugte. Das bewiesen Ausstellungen und Ehrungen wie der mexikanische Marco-Preis (250\x0f000 US-Dollar). Die letzte große Retrospektive 2005 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin besuchte der Maler bereits im Rollstuhl. Bei der Verleihung des Goslarer Kaiserrings im vergangenen Oktober konnte er nicht mehr mitfeiern.

Jörg Immendorff ging offensiv mit seinem Leiden um, zeigte sich in seinem Siechtum in einem Schlingensief-Projekt auf der Bühne und finanzierte der Berliner Charité eine Stiftungsprofessur. Damit sollte es möglich werden, die unheimliche ALS wissenschaftlich zu erforschen.

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