Freches Feuerwerk

- Mit der "Publikumsbeschimpfung" fing alles an: Der Dichter Peter Handke wurde über Nacht berühmt. Fast 40 Jahre später knüpft sein Stück "Untertagblues" daran an. Claus Peymann hatte es jüngst am Berliner Ensemble uraufgeführt, wie er auch schon 1966 die "Publikumsbeschimpfung" als Erster auf die Bühne gebracht hatte. Aber vielleicht um nicht sich selbst zu zitieren, hat er den "Untertagblues" in eine allzu konkrete U-Bahn-Fahrt verwandelt, mit realistischen Typen und Stationen, darin sehr den Anweisungen des Autors folgend. Die Aufführung verlor die Frechheit des Textes.

Die junge Regisseurin Friederike Heller ging mit ihrer Inszenierung des "Untertagblues" am Wiener Burgtheater einen anderen, den näher liegenden Weg. Sie inszenierte den grandiosen Monolog des großen Grantlers und Zivilisationskritikers als eben jene rasante Attacke aufs Publikum, die dieses Stück ist. Zu Recht war diese Aufführung jetzt beim Festival "Radikal jung" bejubelter Gast im Münchner Volkstheater.<BR><BR>Als Passagiere der Metro nimmt die Regisseurin die Zuschauer. Die Bühne (Sabine Kohlstedt) ist ein geschlossener Spiegelraum, der je nach Beleuchtung und Regiebedarf das Bild des Zuschauersaals zurückwirft. In diesem Rahmen agiert wörterprasselnd, frech und charmant Philipp Hochmair als Handkes Protagonist. Ein Text-Feuerwerk voller Furor und Wahrheit, dargeboten mit einer geradezu unverschämten Bühnenpräsenz.<BR><BR>Begleitet wird Hochmair dabei von vier Musikern an Synthesizern, dem Ersten Wiener Heimorgelorchester. Einer von ihnen in Handke-Maske. Und wenn am Ende des Monologs die "Wilde Frau" erscheint und den Unruhestifter im Untergrund auf geheimnisvolle Art besänftigt, ist das in der Wiener Aufführung keine fantastische Fee, sondern eine alte Dame: in eben dem gleichen braunen Herrenanzug wie er, sein zweites, späteres, reifes Ich; von Bibiana Zeller mit der typischen Noblesse einer Burgschauspielerin gespielt.<BR><BR>"Radikal jung" - das Motto des kleinen Festivals, das mit Hoffnung in die Theaterzukunft schauen will. Friederike Hellers Wiener Arbeit gibt Anlass zu einigem Optimismus.

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